Über Leihmutterschaft, Herkunft und Fragen, die vielleicht erst viele Jahre später beginnen

Seit einigen Tagen muss ich wieder an die Kinder in Indien denken.
Zwei Jahre habe ich dort gelebt. In dieser Zeit hatte ich auch mit einem großen Kinderheim zu tun, in dem mehr als 1.600 Kinder lebten. Viele von ihnen waren nach ihrer Geburt ausgesetzt worden. Man hatte sie vor Krankenhäusern, an Bahnhöfen oder an anderen öffentlichen Orten gefunden. Über ihre Eltern wusste man häufig nichts. Keine Namen, keine Herkunft, keine Geschichte.
Solange die Kinder klein waren, schien diese Leerstelle manchmal noch weit entfernt. Sie spielten, lachten, stritten und suchten die Nähe der Menschen, die sich um sie kümmerten. Sie hatten einen Schlafplatz, regelmäßige Mahlzeiten, Unterricht und Gemeinschaft. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gaben ihnen Zuwendung und Geborgenheit.
Aber irgendwann wurden aus den Kindern Jugendliche.
Dann kamen die Fragen.
Wer bin ich? Woher komme ich? Wem sehe ich ähnlich? Warum wurde ich fortgegeben? War ich unerwünscht? Gibt es irgendwo eine Mutter, einen Vater oder Geschwister? Hat jemand nach mir gesucht? Hat meine Mutter mich aus Not zurückgelassen? Oder wollte sie mich nicht?
Auf viele dieser Fragen gab es keine Antwort.
Ich habe damals begriffen, dass Herkunft nicht nur eine biologische Information ist. Sie ist ein Teil der Geschichte, aus der ein Mensch sich selbst zusammensetzt. Solange ein Kind klein ist, lebt es in der Gegenwart. Es braucht Schutz, Nahrung, Nähe und jemanden, der verlässlich bleibt.
Doch wenn ein Kind heranwächst, beginnt es zurückzufragen.
Es möchte nicht mehr nur wissen, wer heute für es da ist. Es möchte wissen, was vor seinem bewussten Leben war. Wo seine Geschichte begonnen hat. Welche Menschen an diesem Anfang beteiligt waren. Wem es sein Aussehen, seine Begabungen, vielleicht auch seine Ängste verdankt.
Nicht jeder Mensch leidet daran, wenn Antworten fehlen. Aber bei manchen wird aus der unbekannten Herkunft eine schmerzhafte Leerstelle. Eine offene Stelle in der eigenen Biografie, die sich nicht einfach dadurch schließen lässt, dass man sagt: Du wirst doch geliebt.
Liebe ist lebensnotwendig.
Aber Liebe beantwortet nicht jede Frage.

Zwei sehr unterschiedliche Geschichten

Die Kinder, denen ich in Indien begegnet bin, sind nicht mit Kindern gleichzusetzen, die mithilfe einer Leihmutter geboren werden.
Die Kinder im Heim waren ausgesetzt worden. Oft waren Armut, Krankheit, gesellschaftliche Ächtung oder Verzweiflung die Ursache. Manche waren vermutlich nicht gewollt. Viele hatten ihre Eltern nicht bewusst und geplant verloren, sondern durch Lebensumstände, die niemand mehr nachvollziehen konnte.
Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind ist dagegen in aller Regel zutiefst gewünscht. Seine zukünftigen Eltern haben häufig lange auf dieses Kind gehofft, medizinische Verfahren auf sich genommen, viel Geld ausgegeben und große emotionale Belastungen getragen.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Und doch gibt es eine Berührung zwischen beiden Geschichten: Ein Mensch kann irgendwann danach fragen, woher er kommt und warum die Frau, die ihn geboren hat, nicht die Frau ist, bei der er aufgewachsen ist.
Bei einer Leihmutterschaft ist diese Trennung nicht durch einen späteren Schicksalsschlag entstanden. Sie wurde bereits vor der Schwangerschaft vorgesehen.
Erwachsene haben vereinbart, dass eine Frau ein Kind austrägt, das nach der Geburt bei anderen Menschen leben soll. Vielleicht stammt die Eizelle von ihr, vielleicht von einer weiteren Frau. Vielleicht gibt es zusätzlich einen Samenspender. Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und soziale Elternschaft können auf mehrere Menschen verteilt sein.
Juristisch lässt sich das ordnen.
Aber wie ordnet ein heranwachsendes Kind diese Geschichte für sich selbst?

Die Fragen kommen vielleicht später

Ein kleines Kind wird vermutlich zunächst nicht darüber nachdenken, unter welchen rechtlichen und medizinischen Bedingungen es entstanden ist. Es kennt die Menschen, die es trösten, wenn es nachts aufwacht. Die es in den Kindergarten bringen, an seinem Bett sitzen, wenn es krank ist, und ihm Geborgenheit geben.
Diese Menschen sind seine Eltern.
Daran sollte kein Zweifel bestehen. Elternschaft entsteht nicht allein durch Gene und Schwangerschaft, sondern vor allem durch Verantwortung, Nähe und Verlässlichkeit.
Doch das Kind bleibt nicht klein.
Irgendwann wird es vielleicht fragen, wie es geboren wurde. Warum eine andere Frau es ausgetragen hat. Ob diese Frau es freiwillig tat. Ob sie Geld dafür bekam. Ob sie während der Schwangerschaft an das Kind dachte. Ob ihr die Trennung nach der Geburt schwerfiel.
Vielleicht wird das Kind wissen wollen, ob es ihr ähnlich sieht. Ob es ihre Stimme jemals gehört hat. Ob sie noch lebt. Ob sie weitere Kinder hat. Ob diese Kinder wissen, dass es existiert.
Vielleicht wird es sich auch fragen, ob die Frau, die es geboren hat, wirklich frei entscheiden konnte.
Oder ob sie das Geld benötigte.
Solche Fragen müssen nicht zwangsläufig zu einer Krise führen. Es wäre falsch, jedem durch Leihmutterschaft geborenen Menschen spätere seelische Probleme zu unterstellen. Kinder können in ungewöhnlichen Familiengeschichten sicher und glücklich aufwachsen. Offenheit, Liebe und ein selbstverständlicher Umgang mit der eigenen Herkunft können vieles tragen.
Aber wir wissen heute nicht, welche Bedeutung diese Fragen für jeden einzelnen Menschen einmal haben werden.
Und gerade weil wir es nicht wissen, sollten wir vorsichtig sein.

Wenn Erwachsene vom Kinderwunsch sprechen

In der öffentlichen Diskussion wird meist aus der Sicht der Erwachsenen argumentiert.
Da ist der unerfüllte Kinderwunsch. Er kann ein tiefer Schmerz sein. Menschen erleben ihre Kinderlosigkeit als Verlust einer erhofften Zukunft. Sie sehen Freunde und Geschwister Familien gründen, während ihr eigener Wunsch unerfüllt bleibt.
Dieser Schmerz verdient Mitgefühl.
Auch die sexuelle Orientierung der Wunscheltern ist nicht die entscheidende Frage. Homosexuelle Menschen können Kinder ebenso lieben, beschützen und verantwortungsvoll begleiten wie heterosexuelle Menschen. Die ethischen Probleme der Leihmutterschaft entstehen unabhängig davon, wer das Kind später großzieht.
Doch ein verständlicher Kinderwunsch ist nicht automatisch ein Anspruch auf seine Erfüllung.
Ein Kind ist kein Recht, das ein anderer Mensch bereitstellen müsste.
Es ist kein fehlender Teil eines Lebensentwurfs, dessen Beschaffung verlangt werden kann. Es ist kein Gut, das die Medizin, der Staat oder der Körper einer anderen Frau schuldet.
Diese Feststellung klingt hart. Besonders gegenüber Menschen, die lange und schmerzhaft auf ein Kind hoffen.
Aber wo der eigene Wunsch nur erfüllt werden kann, indem eine andere Frau eine Schwangerschaft übernimmt und ein Kind nach der Geburt abgibt, darf die Diskussion nicht beim Leid der Erwachsenen stehen bleiben.
Dann muss auch gefragt werden, welche Geschichte wir dem Kind mitgeben.

Die Frau hinter der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft ist keine neutrale Dienstleistung.
Neun Monate lang verändert sich der Körper einer Frau. Sie trägt gesundheitliche Risiken. Sie erlebt Untersuchungen, mögliche Komplikationen und die Geburt. Während dieser Zeit entsteht zwischen ihrem Körper und dem heranwachsenden Kind eine Beziehung, die sich nicht vollständig in Vertragsklauseln beschreiben lässt.
Befürworter der Leihmutterschaft verweisen auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Das ist ein ernst zu nehmendes Argument. Eine erwachsene Frau ist kein unmündiges Wesen. Sie kann grundsätzlich selbst entscheiden, ob sie für andere ein Kind austragen möchte.
Doch Freiheit wird kompliziert, wenn wirtschaftliche Ungleichheit ins Spiel kommt.
Würde die Frau dieselbe Entscheidung treffen, wenn sie finanziell abgesichert wäre?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Nicht jede Leihmutter ist ein hilfloses Opfer. Aber auch eine freiwillige Unterschrift beseitigt nicht automatisch das Machtgefälle zwischen wohlhabenden Wunscheltern und einer Frau, für die die Bezahlung möglicherweise die Lebensgrundlage ihrer Familie verändert.
Auch bei einer sogenannten altruistischen Leihmutterschaft verschwinden die Abhängigkeiten nicht. An die Stelle des Geldes können familiäre Erwartungen, Loyalität, Dankbarkeit oder emotionaler Druck treten.
Kann eine Schwester wirklich frei Nein sagen, wenn sie weiß, dass sie die einzige Hoffnung eines nahen Menschen auf ein Kind sein könnte?
Und was geschieht, wenn die Schwangere während der Schwangerschaft ihre Meinung ändert? Wenn sie bestimmte Untersuchungen ablehnt? Wenn sie nach der Geburt spürt, dass sie das Kind nicht abgeben möchte?
Ein Vertrag kann festlegen, was geschehen soll.
Aber er kann Gefühle nicht im Voraus regeln.

Wem gehört die eigene Geschichte?

Vielleicht liegt hier die wichtigste Frage: Wem gehört eigentlich die Geschichte eines Kindes?
Den Eltern, die es sich gewünscht haben?
Der Frau, die es ausgetragen hat?
Den medizinischen Einrichtungen, Spendern und Vermittlern, die an seiner Entstehung beteiligt waren?
Oder dem Kind selbst?
Jeder Mensch sollte das Recht haben, seine Herkunft zu kennen. Nicht weil Gene über Liebe entscheiden. Nicht weil nur die biologische Familie eine „wirkliche“ Familie wäre. Sondern weil die eigene Entstehungsgeschichte Teil der persönlichen Identität ist.
Ein heranwachsender Mensch möchte vielleicht nicht nur wissen, dass er gewollt war.
Er möchte möglicherweise wissen, unter welchen Bedingungen er gewollt wurde.
Ob die Frau, die ihn geboren hat, frei war. Ob sie geschützt wurde. Ob sie ihn nach der Geburt sehen durfte. Ob sie sich verabschieden konnte. Ob sie jemals nach ihm fragte.
Und vielleicht wird er irgendwann eine noch schwierigere Frage stellen:
Wäre ich auch entstanden, wenn meine Eltern weniger Geld gehabt hätten?
Spätestens dann zeigt sich, dass Leihmutterschaft nicht nur eine private Vereinbarung zwischen Erwachsenen ist. Sie ist auch eine Entscheidung über die Herkunft eines Menschen, der selbst keine Stimme hatte, als diese Entscheidung getroffen wurde.

Was die Kinder in Indien mich gelehrt haben

Ich denke an die Jugendlichen im Kinderheim zurück.
An ihre Fragen, auf die niemand antworten konnte. An die Unruhe, die entstand, als sie begannen, sich selbst zu suchen. An die Erkenntnis, dass Versorgung und Gemeinschaft eine unbekannte Herkunft nicht vollständig ersetzen.
Ihre Situation war eine andere.
Ich möchte sie nicht benutzen, um unterschiedliche Lebensgeschichten gleichzusetzen. Ein ausgesetztes Kind trägt eine andere Erfahrung in sich als ein lang ersehntes Kind, das bei liebevollen Eltern aufwächst.
Aber die Kinder in Indien haben mir gezeigt, dass Erwachsene vorsichtig sein sollten, wenn sie über die Bedeutung von Herkunft entscheiden.
Was einem Erwachsenen nebensächlich erscheint, kann für einen Jugendlichen zur zentralen Frage werden.
Was bei einem kleinen Kind noch keine sichtbare Rolle spielt, kann Jahre später aufbrechen.
Und was Erwachsene als gut geregelte Vereinbarung verstehen, kann aus der Sicht des heranwachsenden Kindes eine komplizierte Geschichte aus Wünschen, Geld, Körpern, Trennung und Zugehörigkeit sein.
Vielleicht wird es diese Geschichte annehmen können.
Vielleicht wird es stolz darauf sein, wie sehr seine Eltern um es gekämpft haben.
Vielleicht wird es aber auch mit Teilen dieser Geschichte ringen.
Wir wissen es nicht.

Der Preis einer Möglichkeit

Medizinischer Fortschritt eröffnet Möglichkeiten, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten. Doch jede neue Möglichkeit zwingt uns zu einer alten Frage:
Nur weil wir etwas können – dürfen wir es deshalb auch tun?
Der Wunsch nach einem Kind ist zutiefst menschlich. Eine Familie kann in sehr unterschiedlichen Formen Liebe und Geborgenheit schenken. Niemand sollte leichtfertig über den Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit urteilen.
Aber ein Kind ist nicht nur die Erfüllung eines Wunsches.
Es ist ein eigener Mensch mit einer eigenen Geschichte. Ein Mensch, der später Fragen stellen wird. Der verstehen möchte, wie sein Leben begann. Der vielleicht wissen will, wer ihn geboren hat und warum diese Frau anschließend aus seinem Leben verschwand.
Wenn wir über Leihmutterschaft sprechen, dürfen wir deshalb nicht nur auf die Erwachsenen schauen, die heute entscheiden.
Wir müssen auch an das Kind denken, das morgen heranwächst.
An den Jugendlichen, der beginnt, nach seiner Herkunft zu fragen.
Und an den Erwachsenen, der irgendwann verstehen möchte, welche Vereinbarungen getroffen wurden, damit er zur Welt kommen konnte.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie groß der Wunsch nach einem Kind ist.
Sie lautet, welchen Preis andere für seine Erfüllung tragen.
Die Frau, die das Kind austrägt.
Und vielleicht eines Tages das Kind selbst.

Beitrag: Rainer Nitzsche


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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