Grassau. Ein außergewöhnlicher Liederabend im kleinen Konzertsaal der Villa Sawallisch bot dem Publikum eine eindrucksvolle Reise durch die Welt des Kunstliedes. Geschäftsführer Andreas Hérm Baumgartner begrüßte vier junge Sängerinnen und Sänger aus dem Opernstudio des Staatstheaters am Gärtnerplatz München, die aus vier Nationen stammen und sich derzeit auf eine internationale Karriere vorbereiten.
Baumgartner hob die besondere Verbindung von Musik und Lyrik hervor, die das Kunstlied auszeichne. In den vorausgegangenen drei Tagen hatten die Teilnehmer intensiv mit Kammersängerin Marlis Petersen und Sami Kustaloglu gearbeitet. Ziel sei es gewesen, nicht nur technische Fertigkeiten zu vertiefen, sondern die innere Wirkung eines Liedes zu erschließen. „Das Lied ist eine Oper im Inneren“, erklärte Petersen. Musik müsse fühlbar werden und „wie ein geschliffener Diamant“. Mit Werken unter anderem von Robert Schumann und Hugo Wolf versprach sie eine „Schatzkiste des Liedes“ – ein Versprechen, das sich im Konzert eindrucksvoll erfüllte.
Die vier jungen Künstler präsentierten zunächst jeweils mehrere anspruchsvolle und tiefgründige Lieder, bevor sie jeweils ein Werk vorstellten, dessen Botschaft ihnen persönlich besonders am Herzen liegt. Mit großer Authentizität, feinem Gespür für Text und Musik sowie einer bemerkenswerten Ausdruckskraft gestalteten sie einen Abend, der zugleich musikalischer Genuss und lehrreiche Einführung in die Kunst des Liedgesangs war. Besonders erwähnenswert ist die Pianistin Hibiki Sagae aus Japan, die alle Lieder mit höchster Professionalität begleitete.
Den Auftakt machte die österreichische Mezzosopranistin Tamara Obermayr mit drei Liedern von Hugo Wolf. Besonders eindrucksvoll gelangen ihr die Vertonungen von Goethes „Anakreons Grab“ und „Ganymed“, deren symbolische Bildsprache sie mit warmem Timbre und großer Hingabe gestaltete. Mit augenzwinkernder Mimik verlieh sie dem Mörike-Lied „Begegnung“ zusätzlichen Charme. Ihr persönliches Herzensstück war Nadia Boulangers „J’ai frappé“, das die Suche nach Antworten im eigenen Inneren thematisiert. Der finnische Bassbariton Juho Stén beeindruckte mit kraftvollem Stimmvolumen ebenso wie mit fein nuancierten leisen Passagen. Seine Auswahl aus Schuberts „Schwanengesang“ führte in eine Welt von Einsamkeit, Entfremdung und düsteren Vorahnungen. Besonders bewegend geriet Hugo Wolfs „Fühlt meine Seele“ nach einem Gedicht von Michelangelo, in dem Fragen nach Liebe, Spiritualität und dem Ursprung menschlicher Empfindungen reflektiert werden. Mit halber Stimme verstärkte Stén an entscheidenden Stellen die emotionale Wirkung.
Die koreanische Sopranistin Yoojin Lee widmete sich Liedern aus Robert Schumanns „Liederkreis“ op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. Mit ihrem strahlenden Sopran ließ sie die unterschiedlichen Stimmungen von „In der Fremde“, „Intermezzo“, „Waldesgespräch“ und „Mondnacht“ lebendig werden. Besonders nahe stand ihr Clara Schumanns Lied „Warum willst du andere fragen?“, das die Bedeutung des eigenen Urteilsvermögens hervorhebt. Der britische Bariton Thomas McGowan überzeugte mit französischem Liedrepertoire von Gabriel Fauré, Henri Duparc und Francis Poulenc. Mit großer darstellerischer Intensität gestaltete er die psychologischen Facetten der Werke. Besonders eindrucksvoll gelang ihm Poulencs „Hôtel“, in dem die Gedankenwelt eines einsamen Künstlers in einem anonymen Hotelzimmer Gestalt annimmt. Als persönliches Lieblingslied präsentierte McGowan Schuberts „Erlkönig“ und verlieh den Figuren der Ballade durch differenzierte Stimmführung und ausdrucksstarke Körpersprache ein eigenes Profil.
Den krönenden Abschluss bildete die Zugabe der vier Künstler als Quartett mit Agustín Laras „Granada“. Mit temperamentvollem Klang und sichtbarer Freude am gemeinsamen Musizieren verabschiedeten sie sich vom Publikum und setzten damit einen glanzvollen Schlusspunkt unter einen Abend, der die ganze Vielfalt, Tiefe und Ausdruckskraft des Kunstliedes eindrucksvoll erlebbar machte.
Das Opernstudio
Mit der international einzigartigen Ausrichtung des Schwerpunktes auf Spieloper und Operette begründete das Staatstheater am Gärtnerplatz mit Beginn der Spielzeit 2023/2024 sein Opernstudio. Vier junge Bühnentalente werden über einen Zeitraum von zwei Jahren in Gesang, Rollengestaltung, Interpretation, Sprache und Bewegung in allen Sparten des Musiktheaters gezielt auf ihre Karriere vorbereitet. Zudem gehört dem Studio eine eigene Klavierbegleitung an, die ebenfalls im Rahmen des Programms gefördert wird. Aktuell ist das Opernstudio im zweiten Jahrgang. Die vier Damen und Herren konnten sich in einer Bewerbergruppe von 400 Sängerinnen und Sängern durchsetzen.
Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka
Begeisterter Applaus für (von links) Pianistin Hibiki Sagae, Yoojin Lee, Tamara Obermayr, Kammersängerin Marlis Petersen, Thomas McGowan und Juho Stén




