Leitartikel

Erfolg für Grassauer Nachwuchs-Musiker

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Zwei Ensembles, zwei Bundespreise für Grassau  – Nachwuchsmusiker triumphieren im Bundeswettbewerb Jugend musiziert – von Ludwig Flug.

Grassau – „Und ich war einfach glücklich.“ Antonia Fußeder ist 13 Jahre alt. Sie steht in der Münchner Musikhochschule, in der Hand eine Urkunde des Bundeswettbewerbes Jugend musiziert. 25 Punkte. Erster Preis für sie und ihr Ensemble die „Blechdachse“ mit Kilian Kroiß (15), Hansei Schmuck (12) und Anian Fakler (14). Mehr geht nicht.

Und dann Easy Brass, das zweite Ensemble der Musikschule Grassau im Bundeswettbewerb mit Naomi Prasser, Maximilian Schneider, Maximilian Ludwig und Lukas Kreitmair – Horn, Trompete, Trompete, Posaune: 23 Punkte, zweiter Preis. Bei den Blechdachsen waren das: Ein Dreivierteljahr Proben, fünfzig aufgezeichnete Durchläufe in der WhatsApp-Gruppe, Schüler, die bis 23 Uhr an ihren Instrumenten sitzen, und ein Trainer – so nennen sie ihren Grassauer Musikschullehrer Johann Schmuck -, der das alles koordiniert hat. Schmuck weiß, was es braucht. „Das macht unglaublich stabil“, sagt er, „für jede Art von Ablenkung, die es gibt.“

Die Ablenkungen kamen trotzdem. In der Woche vor dem Wettbewerb: Hansei Schmuck unters Messer wegen eines Zehnagels. Kilian Kroiß mit einem angebrochenen Zeh. Anian Fakler mit einer Erkältung im Bett. Parallel dazu lief es bei Easy Brass, dem zweiten Grassauer Ensemble im Bundeswettbewerb: Lukas Kreitmair mit gerissenem Außenband, Maximilian Schneider eine Woche lang krank. Johann Schmuck kennt das. „Der Klassiker ist immer, dass vor dem Wettbewerb einer nach dem anderen krank wird oder sich etwas bricht.“

Was er nicht eingerechnet hatte: dass am Ende des Abends beide Grassauer Ensembles mit Preisen nach Hause fahren würden. Die Blechdachse mit 25 Punkten und dem ersten Preis. Easy Brass mit 23 Punkten und dem zweiten Preis. Zum ersten Mal in der Geschichte der Musikschule Grassau, die 2025 ihr 50-jähriges Bestehen feierte, schnitten zwei Ensembles beim selben Bundeswettbewerb so ab. Und 25 Punkte, die waren in diesen 50 Jahren genau einem einzigen Ensemble gelungen: Wolfgang Diem mit seinem Posaunentrio, heute Musikschulleiter und Lehrer der Formation Easy Brass. Damals war er Jugendlicher.

Die Blechdachse: „Das kann gar nicht sein“

Kilian Kroiß (15), Antonia Fußeder (13), Hansei Schmuck (12) und Anian Fakler (14), Bassposaune, Trompete, Trompete, Tenorposaune, spielen seit der Coronazeit zusammen. Sie lernten sich in den Vorbereitungen auf die „Freiwilligen Leistungsprüfungen“ an der Musikschule kennen. „Dann hat sich das entwickelt“, sieht Kilian Kroiß, „und das ist bis heute geblieben.“ In der Pandemie spielte Johann Schmuck Play-along-Aufnahmen ein; die Schüler schalteten sich per Video dazu. „Jeder hatte zumindest das Gefühl, die anderen sind da. Was in der Realität über die Latenz (die Zeitverzögerung beim Übertragen von Audio über das Internet) nicht ging. Es half aber, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.“

Ihr Programm in München: „Battle of Jericho“ von Enrico Crespo, Renaissance Musik von Pierre Attaignant, den „Abendsegen“ von Engelbert Humperdinck und „Pictures of a Highway to Presto“ vom Chieminger Komponisten Thomas Hartmann. Das letzte Stück war, im Original für Saxofon Quartett geschrieben, eigentlich viel zu schwer für Blechbläserquartett. Die Blechdachse wollten es aber unbedingt spielen und erarbeiteten es sich über 9 Monate. „Alle Juroren fanden es das beste Stück.“

Die Blechdachse hatten vor dem Auftritt längst aufgehört, den Wettbewerb als Wettkampf zu empfinden. „Es war einfach nur noch ein Konzert vor einem speziellen Publikum“, sieht Hansei Schmuck. Als sein Vater Johann nach der Preisverleihung den Anruf der Juryleitung entgegennahm, die Einladung zum Preisträgerkonzert, wussten alle: erster Preis. Erst als sie die Urkunde aufklappten, stand die Zahl schwarz auf weiß. „25 Punkte“, sagt Kilian Kroiß. „Das war einfach super. Da sind wir nicht drauf gekommen.“

Anian Fakler hatte seinen Schlüsselmoment schon früher. „Als Hans uns sagte, dass wir beim Preisträgerkonzert spielen dürfen, da war mir klar, es müssen 25 sein. Weil sonst schlagen die eigentlich keinen dafür vor.“ Und Antonia Fußeder: „Und ich war einfach glücklich.“

Easy Brass: Überraschung im zweiten Anlauf

Naomi Prasser (18, Horn) hatte die Konkurrenz vor dem Wettbewerb genau studiert. „Ich kenne ja die anderen in unserer Altersgruppe. Es waren 15 Ensembles und ich habe die davor angehört. Da war ich schon sehr beeindruckt.“ Einen zweiten Preis hatte sie nicht erwartet. „Und dann war ich noch überraschter, als wir das Ergebnis bekommen haben.“

Easy Brass – zusammengeführt und trainiert von Musikschulleiter Wolfgang Diem – spielt in einer Philip-Jones-Besetzung: Trompeten, Horn, Posaune. Das Horn verleiht dem Klang eine andere Farbe, weicher, obertonreicher. Das Ergebnis: 23 Punkte, zweiter Preis. Im Programm stand unter anderem „Auffe und Obe“ von Hans Kröll – einem der Musikschule eng verbundenen heimischen Komponisten, der das Stück seinerzeit eigens für Grass Brass geschrieben hatte, das frühere Ensemble von Johann Schmuck beim Bundeswettbewerb.

Was dahintersteckt

Johann Schmuck vergleicht das Niveau ohne Umschweife mit Leistungssport. „Wenn ein Athlet im Kader trainiert, hat er die gleichen Trainingsumfänge. Mein Cousin war beim Biathlon im Kader – das ist krass, was da an Zeit und Energie reingeht. In der Musik ist das nichts anderes.“ Naomi Prasser übte vor dem Wettbewerb täglich rund anderthalb Stunden allein. Kilian Kroiß ist dafür bekannt, dass die Nachbarn ihn noch um 23 Uhr an der Bassposaune hören. „Der kann oft gar nicht aufhören“, sagt Schmuck.

Was beide Ensembles dabei auszeichnet: dass sie sich verstehen, ohne Worte. „Man schaut sich an, man weiß, was der andere meint“, sagt Schmuck. Was passiert, wenn das nicht so ist? Naomi Prasser antwortet ohne Zögern: „Dann spielt jeder einfach nur das, was in den Noten steht.“ Und Schmuck: „Dann sind es halt vier Einzelleistungen.“ Möglich ist das alles auch nur, weil das Umfeld stimmt: die Unterstützung von Wolfgang Sawallisch Stiftung, Karl und Erna Eigner Stiftung,  durch Gemeinde und Bürgermeister Stefan Kattari und vor allem die Familien. „Wenn du eine Familie dabei hast, die sagt, die Musik ist zwar schön, aber sie hat keine Priorität, dann haut das nicht hin.“

Daniela Ludwig, Mutter von Maximilian Ludwig und neue Kulturbeauftragte der Gemeinde Grassau, sieht darin einen Auftrag. „Musikschule Grassau, zwei Ensembles, Bundeswettbewerb, erster und zweiter Preis, wer kann das von sich sagen?“ „Für mich ist es wichtig, dass die Akzeptanz bei der Gemeinde, bei den neuen Gemeinderäten, einfach da ist und die Leistung anerkannt wird.“

“Eine Sternstunde“

Johann Schmuck hat diesen Abend noch aus einem anderen Grund nicht vergessen. Der Wettbewerb fand in der Musikhochschule statt, in der er selbst vor 25 Jahren sein Examen gespielt hatte. Sein damaliger Professor war anwesend und sagte: „Da mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft, wenn die Blechdachse in diesem Alter so krass gut spielen.“

Bis zum Sommer stehen noch vier Konzertengagements an. Und am 27. Juni sind beide Ensembles beim Chiemgau Almfestival auf der Naturbühne am Rachlhang und an der Rachlalm zu erleben.

Bericht und Bilder: Ludwig Flug – Erster Preis mit Höchstpunktzahl für rechts die „Blechdachse“ im Bundeswettbewerb Jugend musiziert mit (von links) Antonia Fußeder, Hansei Schmuck, Anian Fakler und Kilian Kroiß. Für Easy Brass (rechts) gab es einen Zweiten Preis mit 23 Punkten. Das sind (von links) Maximilien Ludwig, Maximilian Schneider, Lukas Kreitmair und Naomi Prasser.

Erster Preis für rechts die „Blechdachse“ im Bundeswettbewerb Jugend musiziert mit (von links) Antonia Fußeder, Hansei Schmuck, Anian Fakler und Kilian Kroiß. Rechts außen ihr Musikschullehrer Johann Schmuck. Für Easy Brass (rechts) gab es einen Zweiten Preis mit 23 Punkten. Das sind (von links) Maximilien Ludwig, Maximilian Schneider, Lukas Kreitmair und Naomi Prasser. Sie führt Musikschulleiter Wolfgang Diem (ganz links).

Ein Erster Preis „Jugend musiziert“ im Bundeswettbewerb auf dem Weg zum Auftritt: Die „Blechdachse“ mit (von links) Antonia Fußeder, Hansei Schmuck, Anian Fakler und Kilian Kroiß erreichten die Höchstpunktzahl.

Bericht und Bilder: Ludwig Flug

 

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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