Über Steuern, Ehrenamt und die Frage, warum Vertrauen schwindet

Rund um den ersten bundesweiten Ehrentag zum Geburtstag des Grundgesetzes besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Deutschen Alpenverein und die Bergwacht Bayern in den Chiemgauer Alpen. An einer Wegebaustelle im Bereich der Priener Hütte packte er selbst mit an. Es war eine sympathische Geste. Und eine berechtigte Würdigung all jener Menschen, die ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Fähigkeiten freiwillig in den Dienst anderer stellen.
Ohne Ehrenamt wäre dieses Land ärmer. Unpersönlicher. Kälter. Viele Vereine, kulturelle Veranstaltungen, soziale Initiativen, Sportangebote, Wanderwege, Rettungsdienste und Feuerwehren könnten ohne freiwilliges Engagement nicht in der Form bestehen, in der wir sie kennen. Wer sich für andere einsetzt, ohne dafür eine Rechnung zu schreiben, verdient Respekt.
Und doch führt gerade diese Würdigung zu einer Frage, die selten gestellt wird:

Wie viel darf ein Staat von seinen Bürgern eigentlich verlangen?
Nicht nur an Hilfsbereitschaft. Nicht nur an gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl. Sondern an Geld, an Lebenszeit, an privater Vorsorge, an Geduld und an der Bereitschaft, immer wieder selbst aufzufangen, was staatlich nicht mehr ausreichend getragen wird.
Im Geschichtsunterricht haben wir einmal über den Zehnten gesprochen. Über jene Abgabe, die Bauern an Kirche oder Grundherrschaft leisten mussten: einen Teil ihrer Ernte, ihres mühsam erwirtschafteten Ertrags. Für uns Schüler war schnell nachvollziehbar, warum Menschen eine solche Belastung als bedrückend empfanden. Wer sät, pflegt und erntet, möchte nicht erleben, dass ein erheblicher Teil des Ergebnisses anderen zufällt.
Natürlich leben wir heute nicht in einem feudalen System. Wir sind keine Untertanen. Wir leben in einem demokratischen Rechts- und Sozialstaat. Steuern und Sozialabgaben sind nicht Ausdruck persönlicher Willkür, sondern die finanzielle Grundlage eines Gemeinwesens, das Schulen, Straßen, Krankenhäuser, Pflege, Renten, Sicherheit, Justiz und soziale Unterstützung ermöglichen soll.
Gerade deshalb aber ist die Frage nicht unzulässig, sondern notwendig:
Wie viel Belastung kann ein demokratischer Staat seinen Bürgern zumuten, wenn immer mehr Menschen nicht mehr erkennen können, dass er sein Versprechen im Gegenzug zuverlässig erfüllt?

Deutschland verlangt seinen arbeitenden Bürgerinnen und Bürgern viel ab. Nach den aktuellen Zahlen der OECD lag der sogenannte Steuer- und Abgabenkeil für einen alleinstehenden Arbeitnehmer ohne Kinder mit Durchschnittseinkommen im Jahr 2025 bei 49,3 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Deutschland hatte damit unter 38 OECD-Staaten die zweithöchste Belastung dieser Art.

Zur Ehrlichkeit gehört die genaue Einordnung: Diese 49,3 Prozent sind nicht einfach die Summe, die einem Arbeitnehmer direkt vom Bruttolohn abgezogen wird. Darin enthalten sind auch die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Dennoch zeigt die Zahl, wie stark Arbeit in Deutschland insgesamt belastet ist. Fast die Hälfte dessen, was eine Arbeitsstelle an Kosten verursacht, kommt im betrachteten Durchschnittsfall nicht als Nettoeinkommen beim Beschäftigten an.
Und damit ist es nicht getan. Wer von seinem verbleibenden Einkommen einkauft, zahlt Umsatzsteuer. Wer tankt, zahlt über den Kraftstoffpreis unter anderem Energiesteuer und CO₂-Bepreisung. Wer versucht, etwas zurückzulegen, für das Alter vorzusorgen oder mit bereits versteuertem Einkommen Vermögen aufzubauen, muss auf entsprechende Kapitalerträge erneut Steuern entrichten.

Für jede dieser Belastungen gibt es eine Begründung. Jede Steuer hat einen Zweck, jede Abgabe eine gesetzliche Grundlage, jedes politische Instrument ein erklärtes Ziel. Aber Menschen erleben ihr Leben nicht in der Systematik eines Steuerrechtskommentars. Sie erleben, was am Monatsende übrigbleibt. Sie erleben, wie schwer es geworden ist, eine Familie zu finanzieren, Eigentum zu erwerben, fürs Alter vorzusorgen oder schlicht das Gefühl zu haben, dass sich eigene Anstrengung noch lohnt.

Es wäre falsch, diese Situation mit Unfreiheit oder gar Sklaverei gleichzusetzen. Ein Bürger in einem demokratischen Rechtsstaat ist kein Sklave. Er darf wählen, widersprechen, protestieren, klagen und politische Veränderungen fordern.
Aber genau darin liegt sein Recht, unbequeme Fragen zu stellen.

Steuern sind nämlich mehr als eine rechtliche Zahlungspflicht. Sie beruhen auf einem stillen gesellschaftlichen Vertrag. Der Bürger gibt einen erheblichen Teil dessen ab, was er erwirtschaftet, weil der Staat Aufgaben übernehmen soll, die der Einzelne nicht allein bewältigen kann: Bildung, Sicherheit, Infrastruktur, sozialer Schutz, medizinische Versorgung, Unterstützung im Alter und Hilfe in Notlagen.
Ein Sozialstaat darf Solidarität einfordern. Aber Solidarität ist keine Einbahnstraße. Sie lebt davon, dass diejenigen, die viel beitragen, erkennen können, wofür sie es tun.

Im Jahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt 989,8 Milliarden Euro an Steuern eingenommen – rund 42,1 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Das ist kein Beweis dafür, dass alle finanziellen Sorgen des Landes leicht zu lösen wären. Ein alterndes Land, eine anspruchsvolle soziale Sicherung, notwendige Investitionen, innere und äußere Sicherheit sowie Bildung kosten sehr viel Geld.

Aber beinahe eine Billion Euro Steuereinnahmen begründen eine ebenso große Pflicht zur Rechenschaft.

Warum erleben Menschen in einem Land mit solchen Einnahmen sanierungsbedürftige Schulen? Warum werden Straßen und Brücken über Jahre hinweg nur notdürftig instand gehalten? Warum sind Genehmigungsverfahren quälend langsam, Verwaltungen überlastet und öffentliche Bauvorhaben so häufig mit Verzögerungen, Kostensteigerungen und Ratlosigkeit verbunden?
Die Kommunen in Deutschland bezifferten ihren wahrgenommenen Investitionsrückstand im KfW-Kommunalpanel 2025 auf 215,7 Milliarden Euro. Allein bei den Schulgebäuden sahen sie eine Lücke von 67,8 Milliarden Euro, bei Straßen und Verkehrsinfrastruktur von 53,4 Milliarden Euro. Das sind keine abstrakten Haushaltszahlen. Es geht um Schulzimmer, in denen Kinder lernen sollen. Um Turnhallen, Feuerwehrhäuser, Gemeindestraßen, Brücken und öffentliche Einrichtungen. Um jene Orte, an denen Bürger unmittelbar erleben, ob ihr Staat funktioniert.

Natürlich kann man darauf hinweisen, dass die Verantwortung verteilt ist: zwischen Bund, Ländern und Kommunen; zwischen fehlendem Geld, komplizierten Vorschriften, Fachkräftemangel, langen Planungsverfahren und politischen Entscheidungen früherer Jahrzehnte.
Das ist alles richtig.

Doch der Bürger begegnet dem Staat nicht als Organigramm. Er erlebt nicht zuerst Zuständigkeitsgrenzen, sondern Ergebnisse. Er zahlt Steuern und Abgaben an dieses Gemeinwesen – und erwartet zu Recht, dass dieses Gemeinwesen seine grundlegenden Aufgaben erfüllt.
Hinzu kommt nun eine zweite Leistung, die weniger in Steuerstatistiken als im tatsächlichen Leben dieses Landes sichtbar wird: die unbezahlte Arbeit seiner Bürger.
Im Jahr 2024 engagierten sich in Deutschland rund 26,97 Millionen Menschen freiwillig. Das waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Diese Zahl ist beeindruckend. Sie zeigt, wie viel Bereitschaft vorhanden ist, Verantwortung zu übernehmen, anderen zu helfen und Gemeinschaft mitzugestalten.
Das Ehrenamt ist kein Mangel, sondern ein Reichtum. Ein Dorf, in dem Menschen gemeinsam Feste organisieren, Kinder im Sportverein betreuen, Musik spielen, Brauchtum pflegen, Nachbarn unterstützen oder Wege und Landschaft erhalten, besitzt etwas, das kein staatlicher Haushalt ersetzen könnte: gelebten Zusammenhalt.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die durch freiwilliges Engagement menschlicher und lebendiger wird, und einem Staat, der sich in unverzichtbaren Bereichen darauf verlassen muss, dass Bürger seine Funktionsfähigkeit unbezahlt sichern.

Dieser Unterschied wird sichtbar, wenn Ehrenamt nicht nur Kultur, Gemeinschaft und Begegnung ermöglicht, sondern Aufgaben berührt, die für Schutz, Sicherheit und öffentliche Infrastruktur wesentlich sind.
Beim Deutschen Alpenverein engagieren sich Zehntausende Freiwillige für Hütten, Wege, Naturschutz und Bergsport. Allein das Netz der betreuten Wanderwege umfasst rund 30.000 Kilometer. Wer im Gebirge unterwegs ist, nimmt häufig selbstverständlich hin, dass Wege markiert, gesichert, instand gehalten und nach Schäden wieder begehbar gemacht werden. Doch diese Selbstverständlichkeit beruht zu einem erheblichen Teil auf Menschen, die ihre Zeit dafür zur Verfügung stellen.
Noch deutlicher zeigt sich die Dimension bei den Feuerwehren. Nach dem aktuellsten bundesweiten Datenstand des Deutschen Feuerwehrverbandes waren zum Jahresende 2023 in Deutschland 1.028.021 Menschen in Freiwilligen Feuerwehren aktiv. Dem standen 39.501 Angehörige von Berufsfeuerwehren gegenüber. Mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger also, die bereitstehen, wenn es brennt, wenn Keller volllaufen, wenn nach einem Verkehrsunfall Menschen aus Fahrzeugen befreit werden müssen oder wenn Unwetter und Katastrophenlagen schnelles Handeln verlangen.

Gerade auf dem Land ist das keine folkloristische Ergänzung staatlicher Sicherheit. Es ist die tragende Struktur des Brandschutzes und der technischen Hilfeleistung.
Diese Menschen verlassen im Alarmfall ihren Arbeitsplatz, den Familienabend, das Bett in der Nacht oder das Fest, auf dem sie gerade sitzen. Sie bilden sich fort, üben, übernehmen Verantwortung und gehen bei Einsätzen mitunter erhebliche Risiken ein. Viele tun das aus Überzeugung, aus Kameradschaft und aus Verbundenheit mit ihrem Ort. Gerade deshalb wäre es falsch, ihre Leistung ausschließlich als Ausdruck eines staatlichen Defizits darzustellen.
Aber ebenso falsch wäre es, die andere Seite zu verschweigen: Ohne diese unbezahlte Bereitschaft wäre ein grundlegender Bereich der öffentlichen Sicherheit in weiten Teilen Deutschlands in seiner heutigen Form nicht aufrechtzuerhalten.

Der Bürger trägt dieses Land also nicht nur mit seinem Einkommen. Er trägt es mit seinen Feierabenden, seinen Wochenenden, seiner Erfahrung, seinem Verantwortungsgefühl und manchmal mit seiner Bereitschaft, für andere in Gefahr zu gehen.
Man kann und soll das Ehrenamt würdigen. Man darf Menschen ermutigen, sich einzubringen. Ein Gemeinwesen lebt davon, dass Bürger nicht nur fragen, was sie bekommen, sondern auch, was sie beitragen können.
Doch die politische Würdigung des Ehrenamts darf nicht bei Dankesworten, Ehrentagen und Auszeichnungen stehen bleiben. Sie muss auch die ehrliche Frage zulassen:
Was würde in diesem Land noch funktionieren, wenn Millionen Menschen ihre freiwillige Arbeit morgen nicht mehr leisten würden?
Wären Feuerwehren, Bergrettung, Jugendarbeit, Sportvereine, kulturelles Leben, soziale Hilfen und vielerorts auch die Pflege öffentlicher Infrastruktur noch in vergleichbarer Weise vorhanden? Oder würde dann sichtbar, wie umfassend dieses Land inzwischen auf Leistungen angewiesen ist, die es weder regulär bezahlt noch in der politischen Bilanz hinreichend berücksichtigt?

Ein Staat, der Arbeit im internationalen Vergleich außergewöhnlich hoch mit Steuern und Sozialabgaben belastet, muss sich diese Frage gefallen lassen. Nicht, weil Ehrenamt falsch wäre. Sondern weil freiwillige Mitverantwortung nicht zum stillen Ersatz für staatliche Verlässlichkeit werden darf.
Es ist ein Unterschied, ob Bürger aus freien Stücken zusätzlich etwas Gutes tun – oder ob ein Land faktisch nur noch funktioniert, weil sie Aufgaben übernehmen, für deren Erfüllung letztlich eine öffentliche Verantwortung besteht.
Und noch schmerzlicher wird diese Vertrauensfrage dort, wo es nicht mehr um Straßen, Wege oder Organisationen geht, sondern um die Würde von Menschen.
Es gehört zu den beschämenden Bildern eines wohlhabenden Landes, wenn ältere Menschen Pfandflaschen sammeln müssen, weil ihre Rente kaum reicht. Wenn sie beim Lebensmitteleinkauf rechnen müssen, ob sie sich bestimmte Dinge noch leisten können. Wenn sie aus Sorge vor der nächsten Nebenkostenabrechnung weniger heizen. Nicht jeder Mensch, der Flaschen sammelt, ist arm. Und nicht jede niedrige Rente bedeutet automatisch akute Not. Aber das Problem lässt sich mit solchen Einwänden nicht wegdiskutieren.
Nach den aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2025 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet. Bei Frauen dieser Altersgruppe lag der Anteil bei 21,3 Prozent. Fast jeder fünfte ältere Mensch lebt damit in einem Land mit enormen Steuereinnahmen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle.
Hinter dieser Zahl stehen keine abstrakten Fälle. Es stehen Menschen dahinter, die gearbeitet haben. Menschen, die Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt, Beiträge geleistet, Betriebe mitgetragen und dieses Land über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Ein Sozialstaat beweist seine Würde nicht zuerst dort, wo er große Programme verkündet. Er beweist sie dort, wo ein Mensch nach einem langen Arbeitsleben darauf vertrauen können muss, nicht in Armut und Beschämung zu geraten.
Wer jahrzehntelang gearbeitet und beigetragen hat, darf im Alter nicht das Gefühl bekommen, nur noch eine Kostenstelle zu sein. Er darf nicht erleben, dass für vieles Geld vorhanden scheint, während er selbst um die elementare Sicherheit seines Lebens kämpfen muss.
Auch hier wäre es zu einfach, lediglich zu rufen: Der Staat verschwendet alles. Ein Staat ist kein Privathaushalt, dessen Probleme sich lösen lassen, indem man einige Ausgaben streicht. Renten, Pflege, Gesundheit, Bildung, Sicherheit und Infrastruktur sind enorme Verpflichtungen. Sie werden angesichts des demografischen Wandels nicht kleiner, sondern größer.
Aber Komplexität darf niemals zum Schutzschild gegen berechtigte Kritik werden.
Je mehr ein Staat seinen Bürgern abverlangt, desto stärker ist seine Pflicht, Prioritäten erkennbar zu setzen. Je höher seine Einnahmen sind, desto nachvollziehbarer muss er erklären, warum grundlegende Aufgaben trotzdem nicht ausreichend erfüllt werden. Je öfter Politik von Solidarität spricht, desto glaubwürdiger muss sie zeigen, dass Solidarität nicht immer nur von denselben Menschen verlangt wird: von den Erwerbstätigen, den Familien, den Sparern, den Ehrenamtlichen und schließlich von jenen Alten, die trotz eines langen Lebens in Arbeit mit zu wenig zurückbleiben.
Es geht nicht darum, Steuern grundsätzlich abzulehnen. Ein Land ohne Steuern wäre kein freies Paradies. Es wäre ein Land ohne verlässliche Schulen, ohne funktionierende Gerichte, ohne Polizei, ohne soziale Sicherheit, ohne öffentliche Infrastruktur und ohne Schutz für Menschen, die Hilfe brauchen.
Es geht auch nicht darum, Ehrenamt geringschätzig als unbezahlte Ersatzarbeit abzutun. Wer freiwillig Verantwortung übernimmt, zeigt etwas vom Besten, was eine Gesellschaft hervorbringen kann: die Bereitschaft, nicht nur für sich selbst zu leben.
Aber gerade weil Steuern notwendig und Ehrenamt wertvoll sind, dürfen beide nicht missbraucht werden. Steuern dürfen nicht als nahezu grenzenlos verfügbare Einnahmequelle betrachtet werden. Und Ehrenamt darf nicht zur romantisch verklärten Antwort darauf werden, dass staatliche Aufgaben nicht mehr zuverlässig erfüllt werden.
Der Bürger ist nicht nur Steuerzahler. Er ist Arbeitnehmer, Mutter oder Vater, Rentner, Selbstständiger, Pflegender, Vereinsmitglied, Feuerwehrfrau, Bergretter, Nachbar, Helfer. Er finanziert dieses Land, er organisiert es mit, er hält es in vielen Bereichen zusammen.
Irgendwann muss deshalb auch der Staat die Frage beantworten, was er diesen Menschen zurückgibt.
Nicht in Form von Sonntagsreden. Nicht in Form von Dankesveranstaltungen allein. Nicht in Form weiterer Versprechen, deren Umsetzung Jahre später erneut vertagt wird.
Sondern sichtbar: durch Schulen, in denen Kinder gut lernen können. Durch Straßen und Brücken, die verlässlich erhalten werden. Durch Verwaltungen, die funktionieren. Durch eine öffentliche Ordnung, die Sicherheit gibt. Durch eine Altersversorgung, die Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht beschämt. Durch eine Politik, die vor einer neuen Belastung zunächst ehrlich prüft, ob das bereits anvertraute Geld verantwortungsvoll und wirksam eingesetzt wird.
Viele Menschen sind nicht deshalb enttäuscht, weil sie nichts mehr für andere tun wollen. Sie sind enttäuscht, weil sie das Gefühl bekommen, immer mehr geben zu müssen und dennoch immer weniger Verlässlichkeit zu erleben.
Sie arbeiten und zahlen. Sie sorgen privat vor, soweit es ihnen möglich ist. Sie engagieren sich in Vereinen, Feuerwehren, sozialen Einrichtungen oder im familiären Umfeld. Sie übernehmen Verantwortung, oft still und ohne große Worte. Und zugleich hören sie, der Staat benötige weitere Einnahmen, weitere Geduld, weiteres Engagement.
Aus dieser Erfahrung entsteht nicht zwangsläufig Zorn. Oft entsteht zunächst etwas Leiseres: Erschöpfung. Dann Enttäuschung. Und schließlich die gefährliche Frage, ob die eigene Leistung in diesem Land überhaupt noch gesehen und geachtet wird.
Eine Demokratie kann harte Kritik ertragen. Sie kann unbequeme Fragen aushalten. Was sie auf Dauer nicht verkraftet, ist ein wachsender Verlust des Vertrauens jener Menschen, auf deren Arbeit, Abgaben und Verantwortungsbereitschaft sie angewiesen ist.
Wer fragt, wo sein Geld bleibt, ist nicht staatsfeindlich.
Wer wissen möchte, warum ein hoch besteuertes Land zugleich auf eine Million freiwillige Feuerwehrkräfte angewiesen ist, stellt keine unanständige Frage.
Wer verlangt, dass ältere Menschen nach einem arbeitsreichen Leben würdig leben können, ist nicht unsolidarisch.
Und wer darauf besteht, dass freiwilliges Engagement nicht zur stillen Ausrede für staatliche Überforderung werden darf, greift das Ehrenamt nicht an. Er nimmt seine Bedeutung erst wirklich ernst.
Ich möchte meine Steuern nicht mit Bitterkeit zahlen. Ich möchte sie in dem Vertrauen zahlen können, dass dieses Land sorgfältig mit dem umgeht, was seine Bürger ihm überlassen. Ich möchte ein Ehrenamt würdigen können, ohne zugleich den Eindruck zu haben, dass es gebraucht wird, um immer mehr Lücken zu schließen. Ich möchte in einem Staat leben, der seine Schwächsten schützt, seine Leistungsträger respektiert und seine Verantwortung nicht nur erklärt, sondern sichtbar erfüllt.
Ein Staat darf viel von seinen Bürgern verlangen. Solidarität. Verantwortung. Mitwirkung. Auch Opfer, wenn es notwendig ist.
Aber ein Staat, der viel verlangt, muss auch viel leisten.

Denn Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man es beschwört. Es entsteht dort, wo Menschen erleben: Meine Arbeit zählt. Mein Beitrag wird respektiert. Meine Lebenszeit wird nicht selbstverständlich beansprucht. Mein Land funktioniert. Und niemand, der dieses Gemeinwesen ein Leben lang getragen hat, wird am Ende vergessen.

Beitrag: Rainer Nitzsche

Quellenbasis für diesen Beitrag:

* OECD, Taxing Wages 2026 – Germany: Steuer- und Abgabenkeil von 49,3 Prozent für alleinstehende Durchschnittsverdiener ohne Kinder im Jahr 2025; zweithöchster Wert unter 38 OECD-Staaten.
* Statistisches Bundesamt, 17. April 2026: Steuereinnahmen 2025 in Höhe von 989,8 Milliarden Euro; Anstieg gegenüber 2024 um 42,1 Milliarden Euro.
* KfW-Kommunalpanel 2025: wahrgenommener kommunaler Investitionsrückstand von 215,7 Milliarden Euro; davon 67,8 Milliarden Euro bei Schulgebäuden und 53,4 Milliarden Euro bei Straßen und Verkehrsinfrastruktur.
* Bundesregierung, Bericht zur Lage von Engagement und Ehrenamt 2025 / Freiwilligensurvey 2024: rund 26,97 Millionen freiwillig engagierte Menschen in Deutschland im Jahr 2024.
* Deutscher Feuerwehrverband: zum 31. Dezember 2023 insgesamt 1.028.021 aktive Mitglieder in Freiwilligen Feuerwehren und 39.501 Angehörige von Berufsfeuerwehren.
* Deutscher Alpenverein / Bundespräsident: Würdigung des Ehrenamts rund um den Ehrentag 2026 bei einer Wegebaumaßnahme im Bereich der Priener Hütte in den Chiemgauer Alpen.
* Statistisches Bundesamt, 9. April 2026: Armutsgefährdungsquote von 19,5 Prozent bei Menschen ab 65 Jahren im Jahr 2025; bei Frauen ab 65 Jahren 21,3 Prozent.

 

 

 

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!