Unsterblich werden durch die Kunst – „Das Stempelfräulein“ als Gastspiel bei den Kammerspielen des Landestheaters – Von Helmut Rieger
Eine Story wie aus dem Bilderbuch: Die Salzburgerin Isabella Beer, Besitzerin der Kaiserbar in Wien, hat eine Tochter mit künstlerischen Ambitionen. Friederike wird Modell für die Kleider der Wiener Werkstätte. Seit frühen Jahren schnuppert sie Atelierluft: Als Freundin des Industriellensohns und Malers Hans Böhler steht sie ihm bereits als Teenager Modell für das Bild „Stehender weiblicher Akt“ (1908), das in der Wiener Secession ausgestellt wird.
Die Familien der beiden bemühen sich vergeblich, die Liaison zu untergraben. Böhler lässt für seine Freundin eine Wohnung einrichten. Als seine Geliebte bewegt sich Friederike Beer in den Künstlerkreisen des Wiener Jugendstils. Egon Schiele malt ein Porträt von ihr. Doch das genügt Friederike nicht. Sie möchte durch ein Porträt von Gustav Klimt unsterblich werden. Dieser lehnt das zunächst ab. Vom selbstbewussten Auftreten der „Fritzi“ beeindruckt, nimmt er schließlich Böhlers Auftrag an – gegen ein horrendes Honorar. Anfang 1916 ist das Bild fertig.
In der Veranstaltungsreihe „Elfis Salon“ organisiert die Vorsitzende des „Vereins der Freunde des Salzburger Landestheaters“, Elfi Schweiger, Konzert- und Leseabende. In den Kammerspielen präsentierte sie das von ihr verfasste Theaterstück „Das Stempelfräulein“ als szenische Lesung mit Mathias Schlung und Nini Stadlmann. Für die passende Musik sorgte Pianist Adrian Suciu.
Schweiger bricht die Geschichte der Friederike Beer dramaturgisch geschickt auf, erzählt nicht chronologisch, sondern in Rückblenden und Vorausdeutungen. Die Persönlichkeit des Malers Gustav Klimt wird mittelbar, über die Dialoge zwischen Friederike und Hans, auf die Bühne gebracht. Im Hintergrund erscheinen dezent Bilder, Porträts, Fotos. Mit „Fritzi“ und Hans erlebt man das Wiener Skandalkonzert vom 31. März 1913, wegen der tumultartigen Szenen, die durch die atonale Musik der Zweiten Wiener Schule ausgelöst wurden, auch „Watschenkonzert“ genannt. Im Hintergrund spielte Adrian Suciu Klavierstücke von Arnold Schönberg und Anton Webern. Musikalisches Leitmotiv ist aber das melodiöse „Wien, du Stadt meiner Träume“ von Rudolf Sieczyński.
Nini Stadlmann lässt durch ihre grandiose Darstellung Friederike Beer lebendig werden. Oft vergisst man als Zuschauer, dass es sich „nur“ um eine szenische Lesung handelt, bei der die Schauspieler ein Skript vor sich haben. In Mathias Schlung hat Stadlmann einen ebenbürtigen Bühnenpartner. Stimmgewaltig und wandelbar spielt er Hans Böhler: verliebt, besorgt, großzügig. Ein großer Moment, als er sich raunzend in den Kunsthändler Gustav Nebehay verwandelt, an dem Friederike nach Klimts Tod (1918) vorbeimuss, um dessen künstlerischen Nachlass zu sehen. Nebehay drückt ihr gönnerhaft einen Nachlass-Stempel in die Hand, mit dem sie die Skizzen des toten Meisters markieren darf.
Diese Episode gibt dem Stück den ironischen Titel: „Das Stempelfräulein“. Die pfiffige Friederike soll heimlich die Zeichnungen fotografiert haben. Wie sie das machte, bleibt unklar, denn die mobile Kleinbildkamera kam erst 1924 auf den Markt. Wie auch immer, Elfie Schweigers „Stempelfräulein“ lässt fast ein halbes Jahrhundert Wiener Kunst- und Kulturgeschichte lebendig werden. Wie das Leben der „Fritzi“ nach der Trennung von Hans verlief, wäre Stoff für ein weiteres Buch.
Text: Helmut Rieger / Fotos: Daniella Rieger-Böhm
- Schluss-Applaus (v.r.n.l.):Adrian Suciu, Nini Stadlmann, Mathias Schlung
- Organisatorin Elfi Schweiger vor einem Foto Friederike Beers




