Leitartikel

Was wir uns schuldig geblieben sind

Manche Fragen reichen über das Tagesgeschehen hinaus und berühren doch unseren Alltag: Werden wir uns selbst gerecht, wenn wir auf unser Leben zurückblicken? Angeregt durch einen Gedanken des Theologen Eugen Drewermann geht Rainer Nitzsche in diesem persönlichen Essay der Frage nach, was wir uns vorwerfen – und was wir dabei übersehen.


Ich bin vor Kurzem bei Eugen Drewermann auf eine Passage gestoßen. Er beschreibt darin, dass wir im Moment des Todes unter die Augen einer ewigen Liebe treten und schmerzhaft begreifen werden, was wir im Leben versäumt haben. Dieser Schmerz sei der Beginn einer letzten Reifung: Im Angesicht Gottes könnten wir lernen, tiefer zu lieben.

Der Gedanke ließ mich nicht los. In der beschriebenen Rückschau schien mir etwas zu fehlen: die Erkenntnis, dass wir uns auch dort verurteilt haben könnten, wo wir Nachsicht verdient hätten. Manche Menschen betrachten ihre Fehler ohnehin unerbittlich. Was würde die Begegnung mit einer ewigen Liebe ihnen zeigen?

Sie könnten sich noch am Abend dafür entschuldigen, dass sie am Morgen müde waren. Sie prüfen ihre Worte lange, nachdem die anderen sie vergessen haben. Sie erinnern sich an die Ungeduld gegenüber einem Kind, an einen versäumten Besuch, an den Augenblick, in dem ihnen die Kraft fehlte, freundlich zu bleiben. Was ihnen gelungen ist, nehmen sie als selbstverständlich hin. Was sie versäumt haben, bewahren sie auf.

Wenn solche Menschen hören, am Ende ihres Lebens würden sie erkennen, wie weit sie hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben seien, begegnet ihnen eine vertraute Stimme. Sie haben ihr womöglich ein Leben lang zugehört.

Die Vorstellung einer letzten Selbsterkenntnis besitzt eine große Ernsthaftigkeit. Vieles bleibt zu Lebzeiten unaufgeklärt. Wir rechtfertigen uns, vergessen, weichen aus. Wir können andere verletzen und uns dabei für anständig halten. Dass einmal sichtbar werden könnte, was unser Handeln tatsächlich bewirkt hat, enthält deshalb auch die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Das Leid der Übersehenen würde endlich wahrgenommen. Niemand könnte sich auf Dauer hinter seinen guten Absichten verbergen.

Wo wir unsere Schuld verdrängen, kann diese Zumutung heilsam sein. Doch was bedeutet sie dort, wo ein Mensch sich ohnehin unablässig anklagt? Wie vollständig wäre eine Wahrheit, die ihm vor allem seine Versäumnisse zeigte?

Die Härte gegen uns selbst kann unseren Blick verstellen. Wir können uns irren, wenn wir uns verurteilen. Das Gewissen ist keine unfehlbare Instanz. In ihm sprechen neben unserer Fähigkeit zur Verantwortung auch die Erwartungen anderer, früh erlernte Ängste und Sätze, die sich tief eingeprägt haben: Sei nicht so empfindlich. Enttäusche uns nicht. Du hättest dich mehr bemühen müssen.

Manches, was wir für unser eigenes Urteil halten, hat einmal jemand über uns gesprochen.

Ein Kind kann glauben, es müsse die Traurigkeit seiner Mutter beheben. Vielleicht fühlt es sich noch als erwachsener Mensch für die Stimmung jedes Raumes verantwortlich. Ein Sohn kann jahrelang seinen Vater pflegen und sich ausgerechnet an den Nachmittag erinnern, an dem er nicht mehr konnte. Eine Frau kann eine Beziehung verlassen, in der sie sich selbst verloren hat, und den Schmerz des anderen als Beweis ihrer Schuld betrachten.

Das Schuldgefühl ist in solchen Fällen wirklich. Ob es eine tatsächliche Schuld anzeigt, bleibt eine andere Frage.

Wer auf ein Leben wahrhaftig zurückblicken will, muss sehr genau hinsehen. Welches Leid hätte dieser Mensch verhindern können? Welche Folgen konnte er absehen? Was lag in seiner Verantwortung, und was hatte er auf sich genommen, weil niemand sonst es tragen wollte?

Diese Fragen sind mühsam. Von außen sehen Handlungen oft ähnlich aus. Jemand geht nicht ans Telefon. Jemand kommt nicht zu Besuch. Jemand sagt: Ich kann das nicht mehr. Was darin liegt, erschließt sich erst, wenn man die Geschichte kennt. Vielleicht Gleichgültigkeit. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht der erste Versuch nach vielen Jahren, das eigene Leben wieder ernst zu nehmen.

Auch eine notwendige Grenze kann einen anderen Menschen schmerzen. Diesen Schmerz anzuerkennen gehört zur Verantwortung. Daraus folgt aber noch nicht, dass die Grenze falsch war. Wer nur dann für sich sorgen dürfte, wenn niemand darüber enttäuscht wäre, hätte sein Leben vollständig in die Hände anderer gelegt.

Wir beurteilen unsere Vergangenheit zudem häufig mit einem Wissen, das wir damals noch nicht hatten. Heute erkennen wir, wohin eine Entscheidung geführt hat. Damals standen wir in einer offenen Situation, hatten Angst, waren unerfahren oder hofften auf etwas, das sich später als Irrtum erwies. Im Rückblick löschen wir diese Ungewissheit leicht aus. Wir verlangen von unserem früheren Ich die Einsicht unseres heutigen.

Das ist ungerecht.

Nach den damaligen Möglichkeiten zu fragen, hebt Verantwortung nicht auf. Es gibt ihr ein menschliches Maß. Was konnte dieser Mensch erkennen, unter diesen Umständen, mit dieser Geschichte? Welche Freiheit besaß er tatsächlich? Und wozu reichte die Kraft, die ihm zu jener Zeit zur Verfügung stand?

Eine letzte Erkenntnis müsste uns deshalb auch von der Vorstellung befreien, wir hätten ein unbegrenztes Leben führen können. Eines, in dem wir alle Besuche gemacht, jeden Hilferuf gehört und jede richtige Entscheidung rechtzeitig getroffen hätten. Ein solches Leben lässt sich denken. Leben lässt es sich nicht.

Und dann ist da noch das Gute, das uns selbst verborgen geblieben ist.

Wir wissen erstaunlich wenig darüber, was unsere Zuwendung in anderen Menschen bewirkt. Ein Gespräch, das uns beiläufig erschien, kann jemandem durch einen schweren Tag geholfen haben. Ein Lehrer erinnert sich an seine Ungeduld und hat längst vergessen, wie selbstverständlich er einem stillen Schüler etwas zutraute. Ein Vater bedauert, selten die richtigen Worte gefunden zu haben. Seine Tochter erinnert sich daran, dass er sie immer abholte, gleichgültig, wie spät es war.

Liebe hinterlässt Spuren, deren Verlauf wir nicht verfolgen können.

Manches davon wird uns nie erzählt. Manches konnten die anderen selbst erst viel später verstehen. Wir gehen durch unser Leben und kennen nur einen kleinen Teil seiner Wirkung. Das gilt für den Schaden, den wir anrichten. Es gilt ebenso für den Trost, den wir geben.

Eine vollständige Rückschau muss beides sichtbar machen. Sie muss uns auch das Gute glauben lassen, das wir aus Gewohnheit, Unsicherheit oder Selbstverachtung immer wieder verkleinert haben. Für manche Menschen ist gerade das schwer: sich sagen zu lassen, dass ihre Anwesenheit einen Unterschied gemacht hat. Dass jemand durch sie weniger allein war. Dass ihre unvollkommene Liebe angekommen ist.

Drewermanns Gedanke einer Reifung in der Liebe lässt sich hier weiterführen. Zu dieser Reifung gehört, endlich auch die eigene Person gerechter zu sehen. Wir müssen lernen, dieselbe Sorgfalt auf uns anzuwenden, die wir einem anderen Menschen zugestehen, dessen Geschichte wir kennen.

Wir wissen nicht, wie eine Begegnung mit Gott wäre. Aber wer hofft, dort von einer Liebe vollständig erkannt zu werden, darf auch hoffen, dass ihm dabei die Last unberechtigter Schuld genommen wird. Eine solche Liebe müsste wissen, worunter wir standen. Sie müsste die Angst hinter manchem Schweigen sehen, die Erschöpfung hinter einer verschlossenen Tür und die Hilflosigkeit hinter einem misslungenen Versuch. Sie müsste auch jene Seiten unseres Lebens erkennen, für die uns selbst die Worte fehlen.

Das Leid, das wir anderen zugefügt haben, verlöre dadurch nichts von seiner Wirklichkeit. Es würde in seinem ganzen Zusammenhang sichtbar. Wir könnten genauer begreifen, was wir zu verantworten haben, und zugleich aufhören, uns für Dinge anzuklagen, die außerhalb unserer Macht lagen.

Das wäre keine billige Entlastung. Die pauschale Verurteilung der eigenen Person hilft niemandem, der durch uns verletzt wurde. Eine konkrete Einsicht dagegen kann zu einer Entschuldigung führen, zu Wiedergutmachung oder zu einer Veränderung, die noch möglich ist. Wer sich nicht mehr gegen ein vernichtendes Urteil über sein ganzes Wesen verteidigen muss, findet eher den Mut, eine bestimmte Schuld einzugestehen.

Vielleicht beginnt eine solche Rückschau schon zu Lebzeiten. Wenn wir nach einem Versäumnis fragen, was wir hätten tun können, und die Antwort nicht vorschnell geben. Wenn wir neben dem Bedauern auch unsere damalige Not gelten lassen. Wenn wir einem Menschen zuhören, der uns erzählt, was ihm unsere Zuwendung bedeutet hat, und seinen Dank nicht sofort abwehren.

Dann könnte am Ende unseres Lebens vieles auf uns warten, das schmerzt. Vielleicht aber auch eine Erleichterung, für die wir bisher keine Erlaubnis fanden.

Wir würden sehen, wo unsere Liebe zu klein geblieben ist. Und endlich auch, wo sie größer war, als wir selbst wussten.

 

 

 

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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