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TS: Lange Nacht der Demokratie

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Die Volkshochschule Traunstein (vhs) veranstaltete erneut am Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Kreisbildungswerk (kBw) die „Lange Nacht der Demokratie“ mit Vorträgen, Workshops, Diskussionen, einem Bürgercafé im Jugendzentrum und einer Ausstellung im Heimathaus. Ziel der Organisatoren war es, wie in vielen anderen Städten und Gemeinden Deutschlands, die Bedeutung von Demokratie und demokratischen Werten zu hinterfragen und sich der Freiheiten wieder bewusster zu werden, die man in unserem Land (noch?) genießt.

Die Eröffnung der Langen Nacht fand im Großen Rathaussaal mit den offiziellen Vertretern aus Politik, vhs und kBw statt. Der erste Vorsitzende der vhs Traunstein, Altoberbürgermeister Manfred Kösterke, erinnerte einleitend an den kürzlich völlig unerwartet verstorbenen Studiendirektor und stellvertretenden Schulleiter der Staatlichen Berufsschule Traunstein, Gunther Vigerl, der sich seit 2016 ehrenamtlich für die Belange der vhs eingesetzt hatte. 2020 wurde er in den Vorstand gewählt. Er begleitete mit viel Herzlichkeit als „sehr angenehmer und verlässlicher Partner“ die gemeinsamen Projekte der vhs, sodass er sehr fehlen werde.

Zum Thema Demokratie sagte Kösterke, dass viele in der Gesellschaft wohl schon zu verwöhnt seien und es ihnen so gut gehe, dass sie gar nicht mehr merkten, „wie gut es uns in der Demokratie geht“. „Demokratie ist die schwierigste Form des Zusammenlebens, aber auch die beste“, so der Altoberbürgermeister. „Freiheit für alle – selbstverständlich ja, aber wo sind die Grenzen?“, fragte er. Das Zusammenleben so vieler Menschen sei in jedem Fall schwierig, und das Programm des Abends wolle ein Nachdenken und eine Reflexion darüber bewirken. Für das Organisationsteam würdigte Kösterke besonders Karin Rutzner von der vhs und Johannes Glück vom kBw, die das umfangreiche Programm erarbeitet hatten.

Res publica – eine Sache für alle

Traunsteins Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer ging in seinem Grußwort auf den Begriff der Republik, der „res publica“ bei den alten Römern, ein. Diese „Sache des Staates“, damit Sache der Öffentlichkeit und des Volkes, sei die jedes einzelnen Bürgers und könne nicht „in einem Vergabeverfahren“ alle fünf Jahre mal kurz delegiert werden. Die heutzutage oft bestehende „Kultur des Kritisierens“ solle wieder einer „Kultur des Engagements“ weichen. Die „Sache des Staates – res publica“ könne nur gelingen, wenn sich alle dafür interessieren und mitarbeiten.

„Demokratie ist auf ein urteilsfähiges Wahlvolk angewiesen. Dazu gehört es, Tatsachen von Meinungen unterscheiden zu können“, sagte der erste Vorsitzende des kBw, Ewald Kleyboldt. Er zitierte Hannah Arendt: „Der ideale Untertan der totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, wahr und falsch, nicht mehr existiert.“ Nach den Worten Kleyboldts beruht Demokratie auf dem Vertrauen, dass sich alle an die demokratischen Spielregeln halten. Bei aller Skepsis und Kontrolle brauche Demokratie gegenüber der Politik Vertrauen in ihre Institutionen. „Sonst kann sie nicht überleben“, so der kBw-Vorsitzende. Das Wahlvolk brauche Urteilskraft, denn von seiner Entscheidung hänge es ab, wer regiert. Die Veranstaltungen des Abends sollten dazu beitragen, diese Urteilskraft zu stärken.

Vor Ort ganz aktuell zu dem Thema veranstaltete die AfD an diesem Abend einen Vortrag zum Thema „Die linksgrüne Lügenagenda. Wie wir tagtäglich von Massenmedien, Politik und Wissenschaft manipuliert werden“. Auf dem Stadtplatz war gleichsam als Antwort darauf eine Kundgebung unter dem Motto „Fakten statt Hetze“ angesagt, organisiert vom Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus Chiemgau“. Während zu Beginn der „Langen Nacht der Demokratie“ Straßen in und um den Stadtplatz noch relativ leer waren, änderte sich das im Lauf des Abends.

Diktatur contra Demokratie

Gut besucht waren die Veranstaltungen im Großen Rathaussaal, wo der bekannte Journalist und Publizist Michael Möhnle zum Thema „Diktatur contra Demokratie – China, Russland und die USA fordern Europa heraus“ über Weltpolitik sprach. „Der Brexit war die erste Fake-Election der digitalen Zeit“, eröffnete der ehemalige Pressesprecher im Europäischen Parlament seinen spannenden Vortrag. Vielen sei nicht bewusst, dass es heute ernstzunehmende Studien über die Auswirkungen digitaler Manipulation gebe – vor allem bei Wahlen, ohne dass es die Wähler merken. Das könne das Ende der Demokratie bedeuten.

Die USA förderten mit ihrem „America First“ eine religiöse Renationalisierung und damit die Zerstörung der EU. Das müsse jeder Partei in Europa bewusst sein. Demokratien seien weltweit in der Minderheit, so Möhnle. Nur noch 21 Prozent der Weltbevölkerung lebten wirklich in freien Ländern. „Wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, stirbt Europa und die Demokratie“, so der Referent. Aber Europa habe auch die große Chance, „Weltmacht der Demokratie“ zu werden. „Wir müssen Nationalismen überwinden, die EU erneuern und Deutschland reformieren“, beschwor der Deutsch-Amerikaner das Publikum und erntete sehr viel Applaus.

Mit neuester Technik waren die Vorträge im Rathaus ausgestattet: Auf großer Leinwand wurden nicht nur Bilder und Fotos projiziert, sondern auch simultan die Worte des Referenten, so dass auch Besucher mit Hörschwäche oder bei akustischen Störungen jederzeit folgen konnten.

Bei der Fülle der Veranstaltungen können hier nur noch wenige hervorgehoben werden: „Wie reden wir miteinander? Zwischen Fakten, Meinung und Desinformation“ zeigte der freie Journalist und Autor Fabian Dilger, dass konstruktive Diskussionen darüber, wie das Zusammenleben gestaltet werden soll, unabdingbar sind. Nach einem Input über neue Forschungsergebnisse gab es durch den Referenten moderierte Diskussionen, an denen sich viele Besucher beteiligten.

Wie erkennen wir Fake News?

Beeindruckend war auch der sehr gut besuchte, interaktive Workshop „Hashtag glaubnedois -Wie wir Wahrheit erkennen und Demokratie stärken“. Im Schrannensaal des Rathauses zeigte Johannes Glück, Bildungsmanager beim kBw, wie sich jeder eine eigene fundierte Meinung bilden und miteinander ins Gespräch kommen kann – trotz Fake News, gezielter Desinformation und emotionaler Zuspitzung. Anhand eigener Recherche auf ihren Handys konnten die Besucher in den Medien verbreitete Schlagzeilen nachprüfen. Während der „Langen Nacht der Demokratie“ in Traunstein hatte auch die kürzlich eröffnete Sonderausstellung im Heimathaus „Auf dem Weg zur modernen Demokratie“ ihre Besucher. Die Ausstellung nimmt die Besucher auf insgesamt 16 Roll-ups auf eine Reise in die Frühzeit der Demokratie bis heute.

Im Jugendzentrum am Stadtplatz war das Bürgercafé untergebracht, das eine Begegnung zwischen allen Generationen ermöglichte. Bei kleinen Snacks und Erfrischungen luden Aushänge und Moderationskarten dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, was die meisten Jugendlichen aber eher abzuschrecken schien. Die ältere Generation dagegen, wie mehrere Mitglieder des Traunsteiner Seniorenbeirats, genoss das freundliche Ambiente. Ausgehend von den vielen positiven Reaktionen auf die Lange Nacht der Demokratie in Traunstein und die mehrfach sehr gut besuchten Veranstaltungen, kann man zweifellos von einem großen Erfolg für die Veranstalter sprechen.

Bericht und Bilder: Christiane Giesen


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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