Mit einer Gegenstimme beschloss der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung, dass es den Jugendtreff in seiner jetzigen Form nicht mehr geben wird. Viele unterschiedliche Meinungen dazu waren in der Diskussion zu hören.
Bürgermeister Herbert Strauch (Freie Bürgerliste, FBL) berichtete, dass es den Jugendtreff im katholischen Pfarrzentrum seit dem Jahr 2019 gibt. Von der Gemeinde wurde er mit verschiedenen Möglichkeiten zu Spielen vieler Art ausgestattet. Anfangs seien alle sehr zuversichtlich gewesen, dass der Treff immer besser angenommen werde. Für Kinder und Jugendliche seien auch getrennte Öffnungszeiten angeboten worden. Allen Anstrengungen zum Trotz habe sich der erhoffte Aufschwung aber nicht eingestellt, so der Bürgermeister. Im letzten Jahr, 2025, seien durchschnittlich nur 2,3 Kinder oder Jugendliche während der Öffnungszeiten anwesend gewesen, zuletzt teilweise gar niemand. Bei diesen Berechnungen seien allerdings Ausflüge, Partys oder Tage der Offenen Tür nicht einberechnet.
Nun sei von der katholischen Kirchenstiftung Übersee angekündigt worden, künftig Mietkosten für die zur Verfügung gestellten Räume im Keller des Pfarrzentrums fordern zu müssen. Das sei dem Finanzdruck vom Ordinariat München geschuldet – pro Jahr wohl mehrere tausend Euro, so der Bürgermeister.
Die Betreuung habe die Gemeinde vergeben, berichtete das Gemeindeoberhaupt. Die Abrechnung für das Jahr 2025/2026 liege noch nicht vor, aber die Kosten für das Betreuungspersonal wurden mit gut 27 000 Euro angesetzt. Im Betreuungsjahr 2024/2025 fielen Kosten von knapp 21 000 Euro an. Nun stelle sich die Frage, ob der Jugendtreff in dieser Form aufrechterhalten werden könne, sagte Strauch. Er selbst sei klar gegen die Aufrechterhaltung: es müssten Alternativen gefunden werden. Im Vorfeld sei auch mit der Jugendbeauftragten der Gemeinde, Gemeinderätin Sandra Huber (GfÜ, Gemeinsam für Übersee) gesprochen worden. Auch sie sehe eine Weiterführung des Treffs in der jetzigen Form und in einer „fremden Liegenschaft“ nicht mehr gegeben. Man müsse überlegen, in welcher Form, an welchem Ort und vielleicht mit einem neuen Kooperationspartner ein Jugendtreff weitergeführt werden könnte.
Sandra Huber bestätigte, dass die Zahl der Kinder kontinuierlich rückläufig gewesen, so dass angesichts der hohen Kosten für die Gemeinde der Jugendtreff in der Form nicht mehr verantwortbar sei. Auf die Frage von Theresa Schönberger (FBL), ob der Treff genug und wie beworben worden sei, antwortete Herbert Strauch, dass alles versucht worden sei. Sehr viel sei über Instagram und andere Kanäle gegangen, aber die Gemeinde habe auch oft über die Grundschule versucht, den Treff zu bewerben.
„Nicht die Freizeit, sondern Probleme der Jugendlichen “
Bei der Diskussion schickte Dr. Can Dörtbudak (Grüne) seiner Stellungnahme voraus, dass er als Chemiker zwar keineswegs wirklich Fachmann auf dem Gebiet sei, er sich aber intensiv mit Jugendarbeit und Streetwork befasst habe. Jugendarbeit koste viel Zeit und brauche vor allem Vertrauen – dafür müsse man zu den Jugendlichen vor Ort gehen, nicht umgekehrt. Seiner Meinung nach gehe es bei Kindern und Jugendlichen nicht um das Thema Freizeit – die könnten sich heutzutage alle bestens auf ihrem Smartphone vertreiben – sondern es gehe vielmehr um ihre Probleme, über die sie oft mit niemandem wirklich sprechen könnten. Die „richtige Jugendarbeit“ beginne da, wo ein Sozialpädagoge oder ähnlicher Betreuer zu Kindern und Jugendlichen vor Ort gehe und sie gleichsam abhole. Die Coronazeit habe bei der jetzigen Generation Jugendlicher viel Schaden angerichtet, von dem sich viele bis heute nicht erholt hätten. “Alles Geld, was wir jetzt für eine Förderung investieren, wird sich später vielfach auszahlen“, appellierte Dörtbudak.
Franz Wilk (CSU) meinte, in der Gemeinde Übersee gebe es sehr viele Vereine, die sehr viel Jugendarbeit machen. Man solle sie besser noch mehr fördern als bisher. Dem hielt Dörtbudak entgegen, dass vor allem die ohnehin gut integrierten Kinder bei den Vereinen aktiv seien, aber ein belastetes Kind kaum mit seinem Fußballtrainer über familiäre oder andere Probleme sprechen würde. Sozialpädagogische Arbeit sei keinesfalls eine Konkurrenz für die Vereinsarbeit, sondern eine Ergänzung.
Auch die Familienbeauftragte Erika Stefanutti (GfÜ) sagte, dass in den Vereinen Kinder- und Jugendarbeit „extrem geschätzt“ würde. Auch der Familienstützpunkt habe viele Angebote für alle Altersgruppen. Die finanzielle Unterstützung sei wichtig, aber noch mehr die Angebote und die Zuwendung.
Christian Maier (FBL) sah viele gute Angebote in der Region, von denen man für die Jugendarbeit im eigenen Ort lernen könne. Er fand es schade, dass von der Kirche künftig Geld für die Räume des Jugendtreffs verlangt würde, woraufhin Herbert Strauch die sehr freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kirchenstiftung und Gemeinde betonte. Paul Stephl (FBL) forderte die bisher im Haushaltsplan veranschlagten 27 000 Euro für die Jugendarbeit auf jeden Fall zu belassen.
Zweite Bürgermeisterin Margarete Winnichner, erklärte, dass die Stimmung bei vielen Jugendlichen nach den neuesten Untersuchungen seit Corona noch immer „eher gedämpft“ sei. Es sei kein Vergleich zu der vitalen Aufbruchsstimmung, die bei den meisten Jugendlichen früherer Generationen üblich gewesen sei. „ Wir müssen an die hinkommen“, so Winnichner. Sie regte eine Jugendbürgerversammlung oder ähnliches an, um die Meinung der Jugendlichen selbst zu hören. Bisher sei immer nur von den Erwachsenen über den Jugendtreff geredet worden, ohne sie selbst irgendwie mit einzubeziehen.
Hans Thullner (Grüne) bestätigte, „wir müssen uns umstellen – wir von der Gemeinde müssen mit den Jugendlichen reden“. Er stimme gegen den Beschluss zur Aufhebung des Jugendtreffs, so lange keine neue tragfähige Alternative gefunden sei. Mit einer Gegenstimme beschloss der Gemeinderat, dass der Bürgermeister beauftragt werde, andere Räumlichkeiten für einen Jugendtreff in gemeindlichen Liegenschaften zu suchen und dann dem Gemeinderat zur weiteren Entscheidung vorzuschlagen. Die bisher im Haushalt veranschlagten Mittel sollen beibehalten werden. Außerdem sollen weiter Ideen gesammelt und verschiedene Konzepte der Jugendarbeit überlegt werden.
Bericht und Foto: Christiane Giesen – Im Kellergeschoß des katholischen Pfarrzentrums Übersee ist bisher der gemeindliche Jugendtreff untergebracht.



