Allgemein

2.500 Tage Bürgermeister in Neubeuern: „Du musst nicht jedes Problem heute lösen“

Christoph Schneider über Verantwortung, Krisen, Familie und seine Ziele für die zweite Amtszeit.

„Manchmal muss ich selbst daran erinnert werden, was wir alles geschafft haben“

Christoph Schneider ist seit 2.500 Tagen Bürgermeister von Neubeuern – ein Gespräch über Verantwortung, Krisen, Familie, Erschöpfung, Vertrauen und darüber, warum die nächsten Jahre anders werden sollen

Seit dem 1. Dezember 2019 steht Christoph Schneider an der Spitze des Markts Neubeuern. Nun erreicht der am Montag 35-Jährige eine ungewöhnliche Wegmarke: 2.500 Tage Bürgermeisteramt.

Hinter dieser Zahl liegen Jahre, in denen in Neubeuern außergewöhnlich viel passiert ist. Eine neue Kläranlage, ein neues Rathaus, zusätzliche Kinderbetreuungsplätze, Investitionen in Schule, Straßen und Kanalisation, Hochwasserschutz, neue Wohnformen, die Entwicklung des Gewerbestandorts und zuletzt der Aufbau einer zunehmend digitalisierten Verwaltung. Gleichzeitig waren Schneiders erste Jahre von Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, Hochwasser und immer wieder angespannten Gemeindefinanzen geprägt.

Im März 2026 wurde Schneider für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Anlass genug, diesmal nicht nur über Projekte und Zahlen zu sprechen. Wir wollten wissen: Wie verändern 2.500 Tage Verantwortung einen Menschen?

Erster Bürgermeister Christoph Schneider im Gespräch mit Landrat Otto Lederer

 

Samerberger Nachrichten: Christoph, 2.500 Tage Bürgermeister. Was geht Dir bei dieser Zahl durch den Kopf?

Christoph Schneider: Erst einmal: Das ist ganz schön viel. Wenn man im täglichen Geschäft steckt, denkt man ja nicht in solchen Dimensionen. Da gibt es Montag, Dienstag, Gemeinderatssitzung, Haushalt, irgendeine Baustelle und plötzlich sind wieder drei Monate vorbei. 2.500 Tage hört sich dagegen fast ein bisschen verrückt an.

Ich war gerade so 28 Jahre alt, als ich Bürgermeister geworden bin. Jetzt werde ich 35. Das ist schon ein erheblicher Teil meines bisherigen Erwachsenenlebens. Und wenn ich darüber nachdenke, was in diesen 2.500 Tagen alles passiert ist, dann kommt es mir manchmal eher wie 5.000 vor.

SN: Würdest Du Dich heute noch als denselben Menschen beschreiben, der am 1. Dezember 2019 ins Rathaus gegangen ist?

Nein. Definitiv nicht. Die Grundzüge sind denke und hoffe ich gleichgeblieben. Ich bin immer noch ungeduldig, wenn Dinge unnötig lange dauern. Ich habe immer noch gerne Ideen und möchte Dinge ausprobieren. Und ich glaube weiterhin daran, dass man mit einer positiven Grundeinstellung und im Vertrauen zueinander ziemlich viel bewegen kann. Aber ich bin sicherlich abgeklärter geworden.

2019 dachte ich wahrscheinlich noch häufiger: Wenn man ein Problem ordentlich analysiert, vernünftig miteinander spricht und sich anstrengt, findet man eine Lösung. Heute weiß ich: Für viele Probleme stimmt das. Für manche aber eben auch nicht. Es gibt Situationen, in denen es keine perfekte Lösung gibt. Manchmal muss man zwischen zwei schlechten Varianten entscheiden. Und manchmal kann man hundert Prozent geben und trotzdem geht etwas schief oder überzeugt irgendwen nicht. Das zu akzeptieren, muss man im Amt schon lernen.

Christoph Schneider im Gespäch mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner

SN: Du bist damals als sehr junger Bürgermeister angetreten. Hast Du unterschätzt, was auf Dich zukommt?

Komplett.

Ich kannte die Verwaltung ja schon sehr gut, weil ich vorher in einer schweren Situation Geschäftsleiter war. Deshalb dachte ich durchaus, ich wüsste, worauf ich mich einlasse. Aber Geschäftsleiter und Bürgermeister sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, vor allem wenn dann die Zeit noch so umschlägt wie 2020. Corona-Kriese, Ukrainekrieg und so weiter. Als Bürgermeister bist Du irgendwann die letzte Adresse. Wenn ein Projekt nicht funktioniert, wenn Geld fehlt, wenn ein Mitarbeiter ausfällt, wenn es Hochwasser gibt, wenn Bürger unzufrieden sind oder wenn irgendwo am Sonntagvormittag ein Problem entsteht, dann kannst Du nicht mehr sagen: Dafür ist jemand anderes verantwortlich. Natürlich haben wir eine Verwaltung mit sehr guten Mitarbeitern und klare Zuständigkeiten. Trotzdem bleibt am Ende dieses Gefühl: Du bist verantwortlich. Das habe ich mit Sicherheit unterschätzt.

SN: Was waren rückblickend die härtesten Momente dieser 2.500 Tage?

Es gab nicht den einen Moment.

Die schwierigsten Phasen waren immer die, in denen viele Dinge gleichzeitig zusammenkamen. Corona war natürlich gerade am Anfang meiner Amtszeit extrem. Dann der Ukraine-Krieg mit all seinen gesellschaftlichen Folgen, die ja unsere tagtägliche Stimmung prägen. Dazu unsere eigenen großen Baustellen. Die Kläranlage war zwingend notwendig, das alte Rathaus war keine dauerhafte Lösung mehr, Kinderbetreuungsplätze haben gefehlt, bei Straßen und Kanälen gab es Investitionsstau. 2024 kam das Hochwasser dazu. Später hatten wir erhebliche finanzielle Belastungen und mussten immer wieder sehr genau schauen, wie wir unsere Liquidität organisieren.

Das Schwierige daran ist gar nicht immer das einzelne Problem. Das Schwierige ist, morgens aufzustehen und zu wissen: Heute warten wieder zehn davon gleichzeitig und ein Unvorhergesehenes kommt noch dazu.

Christoph Schneider mit seiner Frau Elisabeth

SN: Gab es Momente, in denen Du gedacht hast: Warum tue ich mir das eigentlich an?

Natürlich.

Wer nach 2.500 Tagen Bürgermeister behauptet, er hätte diesen Gedanken noch nie gehabt, ist entweder ein außergewöhnlicher Mensch oder nicht ehrlich.

Es gibt Abende, da gehst Du nach vierzehn oder sechzehn Stunden heim und hast trotzdem das Gefühl, dass Du nicht fertig geworden bist oder vielleicht auch Menschen enttäuscht hast. Dann liegt das Handy auf dem Tisch und Du weißt genau: Wenn es klingelt, schaust Du trotzdem drauf. Besonders schwierig wird es, wenn man merkt, dass das Amt in das Privatleben hineinläuft und einem die Zeit zum Durchatmen fehlt.

Meine Familie hat einen erheblichen Teil dieser 2.500 Tage mitgetragen. Dafür bin ich sehr dankbar.

SN: Hat das Bürgermeisteramt Dich müde gemacht?

Phasenweise schon. Ich glaube, man muss das auch einmal sagen dürfen, ohne dass es gleich dramatisch klingt.

Die vergangenen Jahre waren unglaublich intensiv. Wir haben teilweise in wenigen Jahren Projekte umgesetzt, die eine Gemeinde normalerweise vielleicht über einen deutlich längeren Zeitraum verteilt. Irgendwann merkt der Körper und irgendwann merkt auch der Kopf, dass das Kraft kostet. Ich bin aber nicht amtsmüde. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich bin manchmal müde von der Intensität, aber nicht von der Aufgabe an sich.

Christoph Schneider mit Samerbergs Bürgermeisterin Susanne Kunz und Nußdorfs Bürgermeisterin Susanne Grandauer beim Seniorennachmittag im Festzelt von Nußdorf

SN: Was gibt Dir dann wieder Energie?

Ganz unterschiedliche Dinge. Meine Familie natürlich, meine Frau, mein Sohn, meine Eltern. Ein Eishockeyspiel. Ein Abend, an dem das Telefon tatsächlich einmal ruhig bleibt. Auch einfach mit meinem Sohn und der Frau etwas zu unternehmen und dabei festzustellen, dass es vollkommen egal ist, wie der aktuelle Stand irgendeines Bebauungsplans ist. Und tatsächlich geben mir auch Erfolge in der Gemeinde wieder Energie. Wenn ein Projekt nach drei Jahren Diskussion und Arbeit plötzlich fertig dasteht, ist das schon ein tolles Gefühl.

SN: Auf welches Projekt bist Du besonders stolz?

Das kann ich kaum auf eines reduzieren.

Die Kläranlage ist wahrscheinlich infrastrukturell eines der wichtigsten Projekte. Wir haben damit für Jahrzehnte eine zentrale Aufgabe gelöst.

Das neue Rathaus bedeutet mir ebenfalls viel, weil es nicht nur ein Gebäude ist. Es hat die Arbeitsbedingungen verändert und uns die Möglichkeit gegeben, Verwaltung neu zu organisieren und zu denken. Auch die zusätzlichen Kinderbetreuungsplätze, die Investitionen in unsere Schule, Straßen und Kanäle oder die Friedhofserweiterung sind wichtig.

Wenn ich aber irgendwann auf diese Zeit zurückblicke, bin ich vielleicht gar nicht auf ein einzelnes Gebäude am stolzesten.

Christoph Schneider mit seiner Frau Elisabeth und Sohn Augustin

SN: Sondern?

Darauf, dass wir aus meiner Sicht wieder eine handlungsfähige Gemeinde aufgebaut haben.

2019 gab es an vielen Stellen Investitionsstau und Strukturen, die nicht mehr zu den Anforderungen einer modernen Kommune gepasst haben. Auch die politische Stimmung zwischen einzelnen Akteuren und Gruppen war linde gesagt äußerst angespannt.

Wir haben neue Mitarbeiter eingestellt, Verantwortlichkeiten verändert, Fachwissen aufgebaut und Prozesse professionalisiert.

Heute beschäftigen wir uns mit künstlicher Intelligenz in der Verwaltung, entwickeln einen Wirtschaftsstandort weiter und versuchen gleichzeitig, unsere klassischen kommunalen Aufgaben besser zu organisieren. Wir diskutieren sogar darüber das Neubeuern ein Hochschulstandort wird.

Das ist für mich wahrscheinlich die nachhaltigste Veränderung, das wir heute auf ganz anderem Niveau Probleme lösen dürfen.

Interview mit Bgm. Christoph Schneider, Neubeuern

SN: Du sprichst KI an. Passt das überhaupt zu einer kleinen Marktgemeinde wie Neubeuern?

Gerade deshalb.

Eine kleine Verwaltung kann nicht für jede neue Aufgabe drei zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Gleichzeitig werden die Anforderungen immer größer. Also müssen wir intelligenter arbeiten. Ich glaube, dass künstliche Intelligenz gerade kleinen Verwaltungen enorme Möglichkeiten bietet. Nicht um Mitarbeiter zu ersetzen, sondern um Wissen verfügbar zu machen, Routinearbeit zu reduzieren und Entscheidungen besser vorzubereiten. Wir versuchen da bewusst früh Erfahrungen zu sammeln. Ob jede Idee funktioniert, weiß ich nicht. Aber ich möchte nicht in fünf Jahren feststellen, dass sich die Arbeitswelt komplett verändert hat und wir nur zugeschaut haben.

SN: Du sprichst häufig über Eigenverantwortung in der Verwaltung. Musstest Du selbst lernen, Verantwortung abzugeben?

Sehr sogar.

Das ist wahrscheinlich eine meiner größten persönlichen Baustellen gewesen. Wenn man jung Bürgermeister wird und gleichzeitig viele schwierige Projekte laufen, entwickelt man schnell die Haltung: Bevor etwas schiefgeht, mache ich es lieber selbst. Man will sich ja auch beweisen. Es gab ja schon die ein oder andere Stimme, die die Frage stellte, ob der „Student das in Neubeuern wirklich schaffen kann“.

Kurzfristig funktioniert das sogar alles. Langfristig ist es fatal und auch nicht die Lösung. Eine Gemeinde darf nicht davon abhängig sein, ob der Bürgermeister gerade Zeit hat. Deshalb ist mir inzwischen sehr wichtig, dass Mitarbeiter Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und ihre Bereiche selbst gestalten.

Das gelingt heute auch in den meisten Bereiche wesentlich besser als vor einigen Jahren. Aber auch ich muss mich manchmal noch bewusst zurückhalten.

Christoph Schneider beim Faschingsball

SN: Wie würdest Du Deinen Führungsstil heute beschreiben?

Vertrauensvoller als früher. Ich möchte Ziele definieren und dann Menschen möglichst viel Raum geben, diese Ziele zu erreichen. Natürlich funktioniert das nicht immer und nicht bei jedem Thema.

Aber ich glaube inzwischen sehr stark daran, dass gute Organisation nicht bedeutet, dass der Chef alles weiß. Gute Organisation bedeutet, dass der Chef nicht alles wissen muss.

Herzlicher Empfang für die Gäste der Marktbeleuchtung: Neubeuerns Erster Bürgermeister Christoph Schneider begrüßt das Publikum mit einer Maß Flötzinger in der Hand – ein bayerischer Auftakt mit Humor, Heimat und klarer Botschaft: „Schön, dass ihr alle da seid!“

SN: Die Gemeinde hat gleichzeitig hohe Schulden aufgebaut. Gehört das zur ehrlichen Bilanz ebenfalls dazu?

Selbstverständlich. Wir haben sehr viel investiert und dafür auch Kredite aufgenommen. Das kann man nicht wegdiskutieren. Ich halte den eingeschlagenen Weg trotzdem grundsätzlich für richtig.

Eine Kläranlage, funktionierende Kinderbetreuung, eine Schule, Straßen, Kanäle oder ein Rathaus sind keine Luxusprojekte. Das ist kommunale Infrastruktur, die lange schlichtweg nicht ausgebaut wurde. Die entscheidende Aufgabe der kommenden Jahre ist deshalb eine andere als in meiner ersten Amtszeit.

Die erste Phase war stark vom Investieren und Aufholen geprägt.

Jetzt müssen wir konsolidieren und Spielräume wieder aufbauen.

SN: Was bedeutet das konkret?

Weniger große neue kommunale Projekte, stärkere Konzentration auf bestehende Infrastruktur und vor allem eine Verbesserung unserer Einnahmeseite.

Dabei spielt die Weiterentwicklung des Gewerbegebiets Heft eine wichtige Rolle. Wir haben dort inzwischen sehr interessante Unternehmen und sehen, dass Neubeuern auch als Wirtschaftsstandort Potenzial hat. Wenn es gelingt, diese Entwicklung vernünftig fortzusetzen, können zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen einen erheblichen Beitrag dazu leisten, unsere Finanzen langfristig zu stabilisieren, Wichtiges anzugehen und Schulden wieder zurückzuführen.

SN: Also wird Deine zweite Amtszeit ruhiger?

Das hoffe ich zumindest. (lacht) Wobei „ruhiger“ wahrscheinlich das falsche Wort ist. Ich möchte, dass sie strukturierter wird. Die vergangenen Jahre hatten teilweise etwas von permanentem Krisenmanagement. Viele Dinge mussten gleichzeitig und schnell gelöst werden. Jetzt möchte ich stärker strategisch arbeiten.

Wo soll Neubeuern 2032 stehen? Wie organisieren wir unsere Verwaltung über die Babyboomer hinaus? Wie entwickeln wir unseren Wirtschaftsstandort? Wie erhalten wir unsere Infrastruktur? Wie nutzen wir Digitalisierung und KI? Wie schaffen wir weiterhin Wohnraum?

Das sind andere Fragestellungen als: Wie bekommen wir diese Woche irgendein akutes Problem gelöst?

Darauf freue ich mich.

Das neue Rathaus von Neubeuern

SN: Im März wurdest Du wiedergewählt. Hat sich dadurch etwas verändert?

Ja. Eine Wiederwahl ist natürlich zunächst einmal ein Vertrauensbeweis, gerade auch weil es ja 2008 und 2014 zwei schnelle Bürgermeisterwechsel im Ort gab. Für mich war aber auch wichtig, dass wir in Neubeuern trotz unterschiedlicher politischer Gruppierungen eine relativ sachliche kommunalpolitische Kultur entwickelt haben.

Ich bin parteilos und möchte auch weiterhin Bürgermeister für die gesamte Gemeinde sein. Wenn wir über eine Straße oder einen Kindergarten diskutieren, interessiert mich nicht besonders, welches Parteibuch jemand besitzt.

Mich interessiert, ob das Argument gut ist.

SN: Ist Politik heute schwieriger geworden als 2019?

Ja, eindeutig. Die gesellschaftliche Stimmung ist rauer geworden. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Dinge schlechter funktionieren, Entscheidungen zu lange dauern und der Staat nicht ausreichend handlungsfähig ist. Teilweise stimmt diese Kritik sogar. Was mir Sorgen macht, ist aber, wie schnell daraus inzwischen grundsätzliche Ablehnung wird. Demokratie lebt davon, dass man richtig miteinander streitet. Aber danach muss man miteinander weiterleben können. Gerade auf kommunaler Ebene merkt man das unmittelbar. Du triffst denjenigen, mit dem Du am Donnerstag im Gemeinderat gestritten hast, am Sonntag beim Feuerwehrfest.

Und das ist eigentlich etwas sehr Gesundes.

SN: Hat Dich Kritik in den vergangenen Jahren verletzt?

Früher deutlich mehr als heute. Wenn man viel arbeitet und von einer Entscheidung überzeugt ist, nimmt man Kritik schnell persönlich. Das habe ich lernen müssen.

Heute versuche ich stärker zu unterscheiden: Ist die Kritik berechtigt? Dann muss ich mich damit beschäftigen. Ist sie nicht berechtigt? Dann darf ich sie auch einmal stehen lassen. Man kann als Bürgermeister nicht 4.000 Menschen gleichzeitig glücklich machen. Wenn man das versucht, macht man am Ende wahrscheinlich einfach gar nichts mehr.

Abendlicher Blick über Neubeuern

SN: Gibt es Entscheidungen, die Du heute anders treffen würdest?

Natürlich. Bei 2.500 Tagen wäre es ziemlich bedenklich, wenn ich sagen würde: Alles perfekt gemacht. Manche Dinge hätte ich früher delegieren müssen. Bei manchen Projekten hätte ich stärker auf realistische Zeitpläne achten sollen. Und manchmal hätte ich vielleicht auch früher sagen müssen: Das schaffen wir jetzt nicht.

Ich habe sicherlich gelegentlich zu viel gleichzeitig gewollt. Auf der anderen Seite ist genau dadurch auch sehr viel entstanden und wir haben Türen aufgemacht und tolle Chancen ergriffen.

Man muss also aufpassen, dass man im Rückblick nicht jede Stärke plötzlich zum kapitalen Fehler erklärt.

SN: Was hat Dich in diesen 2.500 Tagen am meisten überrascht?

Wie viel Vertrauen Menschen einem Bürgermeister entgegenbringen beziehungsweise wie viele Menschen Hoffnungen in einen legen. Manchmal erzählen Dir Menschen Dinge, die sie wahrscheinlich nur sehr wenigen Personen erzählen. Das ist eine große Verantwortung.

Und ich habe gelernt, dass Bürgermeister zu sein sehr viel weniger mit großen Reden zu tun hat, als man von außen vielleicht denkt.

Oft geht es darum, zuzuhören.

SN: Und was hat Dich enttäuscht?

Wie viel Energie Verwaltung inzwischen für Dinge aufbringen muss, die mit dem eigentlichen Ergebnis wenig zu tun haben. Dokumentation, Verfahren, Abstimmungen, rechtliche Absicherung – natürlich braucht ein Rechtsstaat Regeln.

Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns selbst immer stärker lähmen und damit auch die Verantwortung in Gesetzes- und Verordnungstexte delegieren.

Kommunen brauchen wieder mehr Vertrauen und Handlungsspielraum.

Einweihung der Kläranlage in Neubeuern

Besichtigung der technische Zentrale der neuen Kläranlage in Neubeuern

SN: Du bist seit 2022 Vater eines kleinen Sohnes. Hat das Deinen Blick auf das Amt verändert?

Sehr. Prioritäten verschieben sich. Früher war es für mich vielleicht selbstverständlich, dass ich einen ganzen Samstag oder Sonntag für irgendeinen Termin verwende oder doch nochmal ins Amt fahre. Heute überlege ich genauer, ob das wirklich notwendig ist. Mein Sohn interessiert sich nicht dafür, ob ich Bürgermeister bin. Für ihn bin ich Papa. Das erdet ungemein. Und irgendwann wird er alt genug sein, sich an diese Zeit zu erinnern. Dann möchte ich nicht, dass seine einzige Erinnerung lautet: Papa war immer im Rathaus.

SN: Kannst Du inzwischen abschalten?

Besser. Aber noch nicht gut genug. Das Smartphone ist wahrscheinlich Fluch und Segen zugleich. Man kann unglaublich schnell arbeiten, aber man trägt das Rathaus damit eben auch permanent in der Hosentasche.

Christoph Schneider beim 36. Bataillonsfest auf dem Marktplatz von Neubeuern

SN: Was machst Du, wenn Du wirklich frei hast?

Zeit mit meiner Familie verbringen, Fußball und vor allem auch Eishockey anschauen. Sport ist für mich ein guter Gegenpol. Da kann ich mich über völlig andere Dinge aufregen und dem Schiedsrichter auch mal was zurufen, was ich im Alltag nicht sagen darf. (lacht)

Und ich reise gerne. Einfach einmal rauszukommen und andere Städte, Länder oder auch andere Organisationsformen zu sehen, finde ich spannend.

SN: Gibt es nach 2.500 Tagen noch berufliche Träume außerhalb des Bürgermeisteramtes?

Natürlich denkt man darüber nach, was man irgendwann einmal machen könnte.

Ich bin 34 Jahre alt. Ich hoffe also, dass mein berufliches Leben nicht mit dem Bürgermeisteramt endet. Aber momentan habe ich einen klaren Auftrag bis 2032 und sehr viel vor. Was danach kommt, wird man sehen.

Ich finde viele Themen sehr spannend. Vielleicht ergibt sich irgendwann etwas völlig anderes.

Aber ich glaube, man sollte nicht sein ganzes Leben jetzt schon planen.

Christoph Schneider bei der Dorfheldentour

SN: Würdest Du noch einmal Bürgermeister werden, wenn Du am 1. Dezember 2019 wieder 28 Jahre alt wärst und genau wüsstest, was auf Dich zukommt?

Das ist eine schwierige Frage.

Wenn Du mich nach einem besonders anstrengenden Donnerstagabend fragst, würde die Antwort vielleicht anders ausfallen als an einem Sonntagmorgen. (lacht)

Aber insgesamt: Ja.

Ich habe in diesen Jahren unglaublich viel gelernt. Ich durfte eine spannende Gemeinde mitgestalten und gemeinsam mit vielen Menschen Dinge schaffen, die hoffentlich noch Jahrzehnte Bestand haben. Das ist ein Privileg.

Ich würde allerdings meinem 28-jährigen Ich einen Rat geben.

SN: Welchen?

Du musst nicht jedes Problem heute lösen. Das hätte mir wahrscheinlich einige schlaflose Nächte erspart.

SN: Was war Dein schönster Moment als Bürgermeister?

Da gibt es viele. Eröffnungen sind natürlich schön, weil man nach Jahren plötzlich sieht, wofür man gearbeitet hat. Aber manchmal sind es kleinere Momente. Wenn jemand beiläufig auf Dich zukommt und sagt: „Das habt ihr gut gemacht. Oder wenn man merkt, dass eine schwierige Entscheidung im Nachhinein von Menschen verstanden wird.

Das sind die Momente, wegen denen Kommunalpolitik Spaß macht.

Beim Bier- und Weinfest in Altenbeuern

SN: Und wann warst Du am stolzesten auf Neubeuern?

Immer dann, wenn die Gemeinde in schwierigen Situationen zusammengehalten hat.

Beim Hochwasser zum Beispiel. Da diskutiert niemand lange über Zuständigkeiten. Da helfen Feuerwehr, Bauhof, Verwaltung, Bürger und viele Ehrenamtliche miteinander. Dann merkt man, was eine Gemeinde eigentlich bedeutet. Sie ist eben mehr als Rathaus, Haushalt und Gemeinderat.

SN: Wenn Du die ersten 2.500 Tage mit drei Worten beschreiben müsstest?

Intensiv. Lehrreich. Sinnvoll.

SN: Und die nächsten 2.500?

Hoffentlich etwas gelassener. (lacht)

Nein, im Ernst: konsolidieren, modernisieren, gestalten.

Ich möchte, dass wir 2032 zurückblicken und sagen können: Die großen Investitionen der ersten Jahre waren richtig, die Finanzen sind wieder stabiler, unsere Verwaltung funktioniert modern und eigenverantwortlich und Neubeuern hat sich trotzdem seinen Charakter erhalten.

Wenn uns das gelingt, wäre ich sehr zufrieden.

Betriebsbesichtigung

SN: Letzte Frage. Was bedeutet Dir Neubeuern nach 2.500 Tagen als Bürgermeister?

Noch mehr als vorher.

Als Bürgermeister kennt man irgendwann unglaublich viele Geschichten hinter den Häusern und Menschen. Man weiß, wo Familien seit Generationen leben, wo jemand gerade ein Unternehmen aufbaut, wo Kinder groß werden, wo ein Verein seit hundert Jahren funktioniert und wo Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Gleichzeitig kennt man natürlich auch jedes Schlagloch (lacht). Vielleicht hat das Neubeuern auch zu einem Stück Heimat für mich gemacht, wenngleich ich dort weder wohne oder aufgewachsen bin. Nicht dass alles perfekt ist. Sondern dass einem nicht egal ist, was daraus wird. Und nach 2.500 Tagen kann ich wohl sagen, dass das nach wie vor der Fall ist.

Blick auf Schloß Neubeuern

 

Fotos: Rainer Nitzsche

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!