Natur & Umwelt

Zwischen Bärenhonig und Marderjoghurt

Veröffentlicht von Günther Freund

Nationalpark sucht zwei Auszubildende für die Tierpflege im kommenden Jahr

Im kommenden Jahr kann man im Nationalpark Bayerischer Wald die Ausbildung zu einem nicht alltäglichen Beruf beginnen, und zwar die zum Tierpfleger. Welche Fähigkeiten und Interessen man dafür mitbringen muss, das wollte Lilly Danner, Praktikantin in der Nationalpark-Pressestelle, herausfinden und hat einen Tag lang Tierpflegermeister Christoph Wagner und Tierpflegerin Beate Penn begleitet.

Der Zaun vor mir ist bestimmt vier Meter hoch und elektrisch gesichert. Ich stehe vor dem Tor, in meiner Hand habe ich einen Eimer mit Fleisch drin. „Wer wohnt hier?“, frage ich Christoph Wagner. Bei seiner Antwort muss ich mich nochmal kurz sammeln. „Die Wölfe“, sagt er, während er das erste Schloss aufsperrt und mir erklärt, wie wichtig feste Sicherheitsabläufe im Alltag der Tierpfleger sind. Gerade beim Öffnen und Schließen der Gehege ist höchste Aufmerksamkeit gefragt. Es müssen immer zwei Personen sein, die alles kontrollieren. Spätestens jetzt ist meine morgendliche Müdigkeit verschwunden. Ich bin hellwach und ehe ich mich versehe, stehe ich mit dem Wolfsfrühstück im Gehege. Meine Augen wandern in alle Richtungen. Sind die Tiere nah an uns dran? Versteckt sich eines hinter einem Baum? Christoph Wagner bleibt vollkommen gelassen. „Die zeigen sich erst, wenn wir mit dem Auto wieder weg sind.“ Das beruhigt mich, trotzdem verteile ich den Inhalt meines Eimers ziemlich zügig. Dann geht´s wieder raus. Tor zu. Vier-Augen-Kontrolle. Weiter.

Im Auto drückt mir Christoph die nächste Futterschüssel in die Hand. Frucht-Sahne-Joghurt. Für wen ist das denn? Scheinbar gibt es auch unter den Bewohnern des Tier-Freigeländes Gourmets. „Besonders der Baummarder lässt sich gerne einmal einen Joghurt schmecken“, erklärt mir Christoph. Die Greifvögel und Eulen hingegen mögen es herzhaft. Bei ihnen stehen in erster Linie Ratten und Mäuse auf dem Speiseplan.

Vorbereitet haben wir das Futter im Servicezentrum in Altschönau – und das schon um 7 Uhr morgens. Für Langschläfer ist das nichts, denke ich mir, während ich die Abläufe in der Futterküche genau beobachte. An den Tischen wuselt es wie in einer gut getakteten Sterneküche. Schalen stehen bereit, Lebensmittel werden aus der Vorratskammer geholt. Karotten, Salat, Äpfel und Kraftfutter wandern nach und nach in Kisten und Eimer und werden in das geländegängige Auto verladen. Eine Schale trägt Christoph jedoch direkt an mir vorbei in einen Nebenraum. „Hier ist gerade ein verletzter Wespenbussard untergebracht“, sagt Christoph Wagner. Der Vogel bekommt prompt nicht nur sein Futter, auch sein verletzter Flügel wird mit einer Salbe bestrichen. Kranke Tiere versorgen – auch das gehört zur täglichen Arbeit.

                   Karotten gehören zur Leibspeise der Wildschweine.

Im Auto erzählen mir die beiden Tierpfleger, dass die allermeisten Tiere aus Nachzuchten in Zoos und Tierparks stammen. Wie wichtig die Haltung von Wildtieren in Gehegen ist, zeigt sich an unserem nächsten Halt: bei den Wisenten. Diese Tiere sind die europäischen Verwandten des amerikanischen Bisons und die größten Landsäugetiere Europas. Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie in freier Wildbahn vollständig ausgerottet. Die Art konnte nur durch Tiere in menschlicher Obhut erhalten, vermehrt und später wieder ausgewildert werden. Und hier spielt auch der Nationalpark eine wichtige Rolle. Immer wieder können Tiere ausgewildert werden, beispielsweise in den Karpaten.

Sobald die Wisente die Tierpfleger mit dem Futter morgens bemerken, kommen sie gemeinsam zum Stall.

Und auch heute gibt es eine erfreuliche Nachricht. Über Nacht ist ein Jungtier geboren worden. „Das sind immer schöne Erlebnisse“, sagt Beate Penn und nimmt die Bestandsliste zur Hand. Denn an jedem Gehege werden die Tiere gezählt und dokumentiert. Diese Tierkontrolle ist tägliche Routine. Aktuell leben über 200 Tiere aus 46 Tierarten im Tier-Freigelände vom Nationalparkzentrum Lusen und Nationalparkzentrum Falkenstein, verteilt auf insgesamt 25 Gehege und Anlagen. Über 200 Tiere bedeutet also auch: über 200-mal genau hinschauen.

Genau hinschauen kann ich auch am Gehege der Auerhühner. Während Christoph Wagner und Beate Penn die Anlage säubern, habe ich kurz Zeit, die Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. Erstmals treffen wir auch Besucher. Und die haben jede Menge Fragen. „Was fressen die Tiere? Wie viele leben im Gehege? Haben sie Namen?“ Die beiden Tierpfleger geben gerne Antworten, richten ihr Augenmerk aber dann schnell wieder auf die Arbeit und die Fragen, die sie selbst beschäftigen. „Sind heute alle Tiere da? Frisst jedes Tier? Gibt es Verletzungen? Ist irgendwo etwas beschädigt?“ Bei den Auerhühnern ist alles in bester Ordnung. Auch die Rothirsche warten in voller Mannschaftsstärke gesund und munter auf ihr Futter.

 

Christoph Wagner und Beate Penn beim Füttern der Bären. (Foto: Lilly Danner / Nationalpark Bayer. Wald)

 

Und dann ist es endlich so weit. Es geht zu den Bären. Sie endlich live und nicht nur auf Fotos zu sehen, darauf habe ich mich ganz besonders gefreut. Zu meiner Überraschung sind Benny und Luna sehr gemütlich unterwegs. Die beiden sind aber auch schon 23 Jahre alt. Einige der Lebensmittel, die ich am Morgen noch in der Küche gesehen habe, finden jetzt ihre Abnehmer: Salat und Äpfel gehören heute unter anderem zum Futter. Christoph Wagner führt mich ins Bärenhaus. Dort zieht er einen Eimer hervor. Honig. Den mögen die beiden besonders gerne. Diese Vorliebe hat gleichzeitig einen praktischen Nutzen. „Damit lässt sich bei Bedarf auch Medizin verabreichen“, erklärt er.

Während ich den beiden bei der Arbeit zusehe, fällt mir auf, wie selbstverständlich sie sich zwischen den Anlagen bewegen. Sie kennen die Abläufe und man merkt, dass ihnen die Tiere ans Herz gewachsen sind. „Eine gewisse Tieraffinität muss man in diesem Beruf natürlich haben“, sagt Christoph Wagner. Aber das allein reicht nicht. „Man sollte gerne draußen sein, und zwar nicht nur an einem sonnigen Spätsommertag. Regen, Schnee, Kälte und Schmutz gehören genauso dazu.“ Außerdem braucht es Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Zuverlässigkeit, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, auch in ungewohnten Situationen ruhig zu bleiben. Besonders in solchen, die einem nicht unbedingt gefallen.

Davon kann Beate Penn ein Lied singen. Schlangen gehören nicht unbedingt zu ihren Lieblingstieren. „In meiner Abschlussprüfung musste ich aber mit einer Schlange hantieren“, erinnert sie sich. Eine Situation, die sie sich freiwillig nicht ausgesucht hätte, die ihr aber gezeigt hat, dass es zur Arbeit als Tierpfleger auch dazu gehört, eigene Unsicherheiten zu überwinden. „Es geht schließlich nicht darum, nur mit seinen Lieblingstieren zu arbeiten. Man muss mit sehr unterschiedlichen Arten umgehen können.“ Auf dem Weg zurück ins Servicezentrum frage ich Christoph Wagner und Beate Penn, ob sie manchmal auch Angst vor den Tieren haben. Die Antwort fällt ziemlich eindeutig aus: „Angst nicht, Respekt sollte man aber sehr wohl haben.“ Und man muss bereit sein, jeden Tag Verantwortung für die Tiere zu übernehmen. Und das beginnt eben schon morgens um 7 Uhr mit einem Eimer Futter.

Wer sich für die Ausbildung als Tierpfleger interessiert und sich bewerben möchte, findet auf der Homepage des Nationalparks Bayerischer Wald alle Informationen.


Redaktion

Günther Freund

1944 in Bad Reichenhall geboren, Abitur in Bad Reichenhall, nach dem Studium der Geodäsie in München 3 Jahre Referendarzeit in der Vermessungs- und Flurbereinigungsverwaltung mit Staatsexamen, 12 Jahre Amtsleiterstellverteter am Vermessungsamt Freyung, 3 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Zwiesel und 23 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Freyung (nach Verwaltungsreform mit Vermessungsamt Zwiesel als Aussenstelle). Seit 2009 im Ruhestand, seitdem in Prien am Chiemsee wohnhaft.

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