Land- & Forstwirtschaft

Schnitzerstadel in Bernbeuren eingeweiht

Der Schnitzerstadel ist eröffnet: v.l.n.r. Marktleiter Özlem Günay, Landrat Johann Bertl, Bürgermeister Karl Schleich, Marktleiter Gerd Nieth, Architekt Andreas Negele
Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Ein historischer Stadel wird zum modernen Nahversorger: Was auf den ersten Blick kaum möglich schien, ist in Bernbeuren im Landkreis Weilheim-Schongau modellhaft gelungen. Wo früher Kühe standen und Heu lagerte, finden die Bürgerinnen und Bürger künftig Lebensmittel für den täglichen Bedarf. Mit Unterstützung mehrerer Förderer, darunter das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) Oberbayern, konnte der historische Schnitzerstadel erhalten und gleichzeitig zukunftsfähig genutzt werden. Am Montag wurde das Gebäude mit viel Applaus und Blasmusik offiziell eingeweiht.

Bei Kaiserwetter herrschte an diesem Herbsttag rund um den Schnitzerstadel reges Treiben. Während Handwerker den Außenanlagen den letzten Schliff gaben, liefen auch im neuen Supermarkt die Vorbereitungen für die Eröffnung in wenigen Tagen. Zur feierlichen Einweihung waren zahlreiche Gäste gekommen – und mit ihnen die Vorfreude auf einen neuen Nahversorger mitten im Ortskern.Seit Oktober 2024 wurde an dem denkmalgeschützten Gebäude gearbeitet. Nun verbindet der Schnitzerstadel historische Bausubstanz mit moderner Nahversorgung: Auf rund 500 Quadratmetern bietet künftig eine Supermarktkette ein umfassendes Lebensmittelangebot. Auch wenn der Markt den Namen „Tante Emma” trägt, reicht das Sortiment deutlich über das eines klassischen Dorfladens hinaus und entspricht dem Angebot eines Vollversorgers.

Wo früher Viehstall und Heuschober untergebracht waren, befindet sich heute der Verkaufsraum. Das Warensortiment gelangt über einen gläsernen Aufzug in den Markt. Zum Gebäudekomplex gehören außerdem Sozial- und Kühlräume. Eine Bäckerei mit Café lädt zum Verweilen ein. Ein moderner Wintergarten mit Terrasse ergänzt den historischen Baukörper an der Westseite und bildet zugleich einen bewussten architektonischen Kontrast zum Bestand.

Sanieren statt abreißen

Gerade das Zusammenspiel von Alt und Neu prägt den sanierten Schnitzerstadel. Während insbesondere die Ostseite des Gebäudes an die frühere Erscheinung anlehnt, setzt das Innere moderne architektonische Akzente. Architekt Matthias Schamper hob bei der Einweihung vor allem die neue Tragkonstruktion über dem historischen und stark verformten Dachstuhl hervor. Die Idee dazu stammte vom ursprünglich beteiligten Architekten Anton Meyer aus Dachau, der im Januar 2025 unerwartet verstarb. „Auch das Nebeneinander von neuen Baumaterialien und neuen Strukturen neben dem alten Dachstuhl ist schon etwas Besonderes”, sagte Schamper.

Der historische Baukörper, die ursprüngliche Tennen-Einfahrt und der bewusst modern gestaltete Wintergarten mit begrüntem Flachdach zeigen, wie sich Alt und Neu ergänzen können.„Wir denken, das Gesamtergebnis wird einerseits den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht und andererseits ist doch ein alltagstaugliches Gebäude entstanden”, so Schamper. Die Sanierung könne damit auch Vorbild für den Umgang mit sanierungsbedürftiger Bausubstanz in anderen alten Ortskernen sein. Seine Devise: „Sanieren statt abreißen.”Für Bürgermeister Karl Schleich steht das Projekt zugleich für die Wiederbelebung des Ortskerns. Der seit Jahrzehnten andauernde Strukturwandel habe dazu geführt, dass vielerorts Einzelhandelsgeschäfte verschwänden, während Neubaugebiete am Ortsrand entstünden. Damit drohten Ortskerne an Leben und Identität zu verlieren.Die Ländliche Entwicklung habe frühzeitig erkannt, dass dieser Tendenz entgegengewirkt werden müsse. Alte Gebäude wieder zu nutzen und neue Angebote in die Ortsmitte zu bringen, sei dabei ein wichtiger Baustein. Ein Laden an einer so zentralen Stelle wie dem Schnitzerstadel könne nach Überzeugung Schleichs eine Initialzündung für den gesamten Ortskern sein.

Alte Gebäude gehörten genauso zur Tradition wie Blasmusik oder Trachtenvereine, betonte der Bürgermeister. Den Schnitzerstadel sieht er als mögliches Modellprojekt über die Region hinaus: Vielerorts gebe es vergleichbare leerstehende oder ungenutzte Gebäude, die wieder einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden könnten. Auch Johann Bertl, Landrat des Landkreises Weilheim-Schongau, würdigte das Projekt als Beispiel dafür, wie moderne Infrastruktur mitten im Ort in einem denkmalgeschützten Gebäude Platz finden kann. Zugleich erinnerte er daran, wie viel Beharrlichkeit und Energie für die Umsetzung notwendig waren. Mit einem Augenzwinkern verglich Bertl die Geschichte des Schnitzerstadels mit Leo Tolstois „Krieg und Frieden”. Nach allen Diskussionen und Herausforderungen passe für ihn am Ende jedoch vor allem ein Satz: „Ende gut, alles gut.”

Hintergrund

Mit dem Schnitzerstadel reagiert die Gemeinde auf eine seit Jahren schwieriger werdende Nahversorgung. Nach der Schließung mehrerer kleinerer Einzelhandelsgeschäfte übernahm zunächst das „S’Lädele” diese Aufgabe. Der Dorfladen deckte jedoch lediglich den Grundbedarf ab und konnte schließlich nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden.2017 erwarb die Gemeinde den Schnitzerstadel. Zunächst stand sogar ein Abriss des historischen Gebäudes im Raum, um Platz für einen neuen Supermarkt zu schaffen. Nach der Intervention des Denkmalamtes entstand das Konzept, den bestehenden Stadel zu erhalten und zum Supermarkt umzubauen. Mit Hilfe verschiedener Förderprogramme konnte das ambitionierte Vorhaben schließlich umgesetzt werden. Das Gesamtvolumen beträgt nach Angaben der Gemeinde 5,8 Millionen Euro. Davon musste sie selbst 2,6 Millionen Euro aufbringen. Fördermittel stammen unter anderem vom ALE Oberbayern in Höhe von 300.000 Euro für das Gebäude und 396.000 Euro für die Außenanlagen. So ist aus einem ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude ein neuer Mittelpunkt der Nahversorgung entstanden – und zugleich ein Beispiel dafür, wie historische Bausubstanz erhalten und mit neuem Leben gefüllt werden kann.

Text und Bildmaterial: Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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