Herbstzeit ist Schwammerlzeit. Am Sonntag fand im Freilichtmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern ein Pilzvortrag und eine Sprechstunde mit dem Pilzexperten Till R. Lohmeyer statt.
Da steht er leuchtend weiß in der Wiese: ein feiner Champignon! Oder doch keiner? Sollte man zur Sicherheit gleich vor Ort einfach ein Stück auf die Zungenspitze legen und den Geschmack testen? Weit gefehlt! Finger weg von solchen Experimenten, sagt Pilzsachverständiger Till R. Lohmeyer, denn: „Ein giftiger Knollenblätterpilz schmeckt sehr gut, sozusagen einmalig im doppelten Wortsinne.“ Deshalb sollten sich Schwammerlsucher einen Tipp zu Herzen nehmen. „Essen Sie nur Pilze, die Sie zu 100 Prozent kennen.“
Solche Ratschläge und einen Ausflug in die faszinierende Welt der Schwammerl bekamen die Besuchenden am Wochenende im Freilichtmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern geboten. Allein in Südostoberbayern gibt es weit über 4.000 Pilzarten, erläuterte Lohmeyer. „220 Arten habe ich selbst gegessen, und ich bin noch gesund.“ Kein Wunder, denn er war einst mit 16 Jahren Deutschlands jüngster Pilzberater. Unterstützt von seiner Frau, der Biologin Dr. Ute Künkele, zeigte Lohmeyer eine sehenswerte Auswahl verschiedener Pilze, die vornehmlich außerhalb des Waldes in verschiedenen Graslandhabitaten zu finden sind. Darunter befanden sich vor allem Vertreter der in Rot, Orange, Grün, Gelb oder Lila leuchtenden Saftlinge, die auf Almen, Flussdämmen, Rasenflächen in Parkanlagen und Gärten sowie Magerwiesen und in Dünen vorkommen – vorausgesetzt, sie bleiben von Intensivdüngung verschont. Eine besondere Delikatesse für Feinschmecker sind die Morcheln im Frühjahr oder die bekannten Riesenboviste im Sommer und Herbst.
Verwechslungsgefahr gibt es bei den Champignons. „Sie müssen reif schokobraune Lamellen haben“, so Lohmeyer. Sein Rat: Wer sich bei einem Pilz nicht sicher ist, sollte ihn samt der Stielbasis aus dem Erdreich heben. „Denn bei den lebensgefährlich giftigen Knollenblätterpilzen steckt die bekannte ‚Knolle‘ am Stielgrund oft recht tief im Boden. Wer sie abschneidet, beraubt sich eines der wichtigsten Bestimmungsmerkmale.“
Nicht lebensgefährlich, aber trotzdem giftig ist der Karbolchampignon, der essbaren Verwandten täuschend ähnlichsehen kann. Man erkennt ihn daran, dass Hutmitte und Stielbasis bei Reibung und Verletzung sofort chromgelb anlaufen. Karbolchampignons wachsen ebenfalls gerne außerhalb des Waldes in Gärten, an Straßenrändern und in Gebüschen.
Auch spannende Geschichten jenseits von Lamellen und Pilzhüten erfuhren die Besucherinnen und Besucher. So bezeichnete der Referent den Inn als den „Morchelfluss der Nation“, weil in dessen Auwäldern im Frühjahr unter den Eschen Speisemorcheln zu finden sind. Die reichen Vorkommen sind allerdings durch das grassierende Eschen-Triebsterben gefährdet. Verursacht wird dies durch einen aus Asien eingeschleppten Kleinpilz, sodass es fraglich ist, ob der Inn diesen „Ehrentitel“ noch lange behalten kann. Morcheln wachsen aber auch auf Streuobstwiesen unter Apfelbäumen.
Interessant ist die Geschichte des roten Tintenfischpilzes: Dieser wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges vermutlich mit australischen Kriegspferden eingeführt, tauchte in größerer Zahl erstmals in den umkämpften Gebieten an der Westfront auf und hat sich seither in ganz Europa ausgebreitet. Allein im Inn-Salzach-Gebiet zwischen Rosenheim und Simbach hat die Arbeitsgruppe Lohmeyers schon fast 70 Fundorte notiert.
Nach dem Vortrag stand die öffentliche Pilzberatung auf dem Programm: Die Anwesenden konnten ihre gesammelten Pilzschätze vom Experten und seiner Frau begutachten lassen. Bei manchen waren ungenießbare Schwammerl im Korb, wie etwa der Purpurfarbene Holzritterling oder bittere Gallenröhrlinge. Auch Kerstin Schlessmann aus Rimsting hatte einen Korb voller Schwammerl dabei. „Ich bin erst seit zwei Tagen Schwammerlsucherin“, erzählte sie. „Unsere Hundeschule hatte Herrn Lohmeyer für eine Führung gebucht. Das war so spannend, dass ich tags darauf gleich selbst in die Wälder bin und viel gefunden habe. Dann bin ich heute sofort ins Freilichtmuseum, um alles anschauen zu lassen.“ Die Suche hatte sich gelohnt. Im Korb von Frau Schlessmann lagen zahlreiche Maronenröhrlinge, ein Steinpilz, ein Parasol, Goldröhrlinge sowie Netz- und Flockenstielige Hexenröhrlinge. „Das gibt eine gute Mahlzeit“, lobte Lohmeyer. „Aber nicht vergessen: Pilze müssen gut gegart werden, weil viele Arten roh oder ungenügend gekocht unverträglich sind.“
Till R. Lohmeyer möchte mit seinen Vorträgen und Führungen nicht nur Lust auf das Schwammerlsuchen machen, sondern auch das Bewusstsein für die Artenvielfalt wecken. Ein Beispiel ist die Geschichte des Glänzenden Schwarzborstlings (Pseudoplectania nigrella). Der wurde im Jahr 1801 erstmals wissenschaftlich beschrieben. „200 Jahre lang hat sich kein Mensch für ihn interessiert – außer vielleicht solche Pilzfreaks wie ich“. Doch dann entdeckten Wissenschaftler, dass aus dem Schwarzborstling das Antibiotikum Plectasin gewonnen werden kann. „Wäre der Pilz in seinem natürlichen Biotop durch die üblichen Methoden (Umweltgifte, Vergüllung, Flächenverbrauch, Kahlschläge etc.) ausgerottet worden, hätten wir nie davon profitieren können. In einer Zeit zunehmender Antibiotikaresistenzen sind wir aber auf solche Entdeckungen angewiesen. Artenkenntnis und Inhaltsstoffforschung ergänzen einander. In den Tropen kaufen oder pachten Pharmakonzerne sogar Regenwälder, um noch wenig bekannte oder gänzlich unbekannte Pilze auf ihre potenziell nutzbaren Inhaltsstoffe untersuchen zu lassen. Artenvielfalt ist daher nicht nur ein Zeitvertreib für Pilz- und Naturfreude, sondern auch elementar wichtig für das Überleben des Homo sapiens, der Gattung Mensch.“
Besucherinformationen Die Ausstellung „Hans – eine kleine Geschichte vom Glück“ ist bis zum 8. November zu sehen. Geöffnet hat das Museum dienstags bis sonntags sowie an allen Feiertagen und am Kirchweihmontag von 10 bis 17 Uhr. Alle Informationen zum Programm und zu den Eintrittspreisen sind online unter www.flm-amerang.de oder telefonisch unter 08075/915090 erhältlich.
Text: Freilichtmuseum Amerang – Bilder: Bezirk Oberbayern, FLM Amerang






