Kirche

Passionskonzert im Kloster Attel

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

In der Pfarrkirche St. Michael im Kloster Attel ist am Palmsonntag ein Passionskonzert zu erleben gewesen, das weit über einen stimmungsvollen Auftakt der Karwoche hinausreichte. Der Wasserburger Bach-Chor nutzte die klare Akustik und die ruhige, konzentrierte Atmosphäre des Kirchenraums auf besondere Weise.

Die Wirkung des Abends entstand nicht aus äußerem Pathos, sondern aus einer Interpretation, die musikalische Präzision, geistliche Tiefe und innere Geschlossenheit überzeugend miteinander verband. Angelica Heder-Loosli, die den Chor seit Jahrzehnten prägt, setzte dabei nicht auf bloßen Schönklang, sondern auf Transparenz, stilistische Genauigkeit und eine Spannung, die immer aus dem Werk selbst heraus entwickelt war.

Schon Johann Sebastian Bachs Kantate „Nimm, was dein ist und gehe hin“ BWV 144 forderte von Beginn an höchste Aufmerksamkeit. Dass mit Priska Eser und Kerstin Rosenfeldt zwei feste Mitglieder des Chores des Bayerischen Rundfunks als Solistinnen zur Verfügung standen, erwies sich dabei früh als Gewinn: Beide brachten nicht nur vokale Qualität, sondern auch jene stilistische Sicherheit und Ensembleerfahrung ein, die dieser Musik besonders zugutekommt. Der eröffnende Chorsatz lebt nicht von äußerer Klangpracht, sondern von der Kunst, eine streng gearbeitete, motettennahe Satzweise so zu formen, dass ihre innere Ordnung hörbar bleibt. Genau darin liegt seine Schwierigkeit: Zu viel Gewicht macht ihn schwerfällig, zu viel Beweglichkeit nimmt ihm Halt. In Attel gelang es Angelica Heder-Loosli und dem Wasserburger Bach-Chor, diese empfindliche Balance überzeugend zu wahren. Das Tempo blieb ruhig genug, um die kontrapunktische Anlage des Satzes deutlich hervortreten zu lassen, ohne in pedantische Strenge zu verfallen. Entscheidend war dabei nicht bloß die Präzision des Chores, sondern die Sorgfalt, mit der die Stimmen aufeinander abgestimmt waren. Gerade die Mittelstimmen behielten Profil, und selbst dort, wo sich die Linien enger verzahnten und der Kirchenraum den Klang leicht verdichtete, blieb die Textkontur gewahrt.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich die Ausdruckskraft der Kantate in der Alt-Arie „Murre nicht, lieber Christ, wenn was nicht nach Wunsch geschicht“. Hier begnügt sich Bach nicht damit, den Gedanken der Ergebung nur zu formulieren; er übersetzt ihn hörbar in Musik. In den Streichern entsteht durch die wiederholten Achtel ein unruhiges, fast insistierendes Bewegungsmuster, das dem „Murren“ eine klangliche Gestalt gibt, was den Musikern hörbar gut gelang. Umso deutlicher trat die geistliche Aussage hervor: die Mahnung, vom beharrlichen Kreisen um das eigene Wollen abzurücken und sich dem göttlichen Willen anzuvertrauen. Gerade am Palmsonntag gewann diese Arie dadurch besonderes Gewicht, weil sie bereits jenen Weg der Annahme und des Vertrauens vorzeichnete, der in die Karwoche hineinführt.

Auch in den weiteren Teilen der Kantate war spürbar, dass hier nicht bloß solide musiziert, sondern genau gestaltet wurde. Die Solistinnen suchten keinen übersteigerten Affektausdruck, sondern entwickelten ihre Partien eng am Sprachrhythmus und an der inneren Bewegung des Textes. So blieb diese Aufführung vor jeder falschen Schwere bewahrt und ließ jene Verbindung von Strenge, Ausdruck und geistlicher Konzentration entstehen, die für Bach entscheidend ist.

Die drei Motetten von Karl Jenkins erwiesen sich im Programm als weit mehr als bloßer Übergang. Sie markierten eine andere Klangwelt und verlangten dem Chor damit einen Stilwechsel ab, der keineswegs selbstverständlich gelang. Nach der Strenge und linearen Klarheit Bachs in eine stärker flächige, harmonisch schwebende Tonsprache zu wechseln, birgt stets die Gefahr, dass ein Ensemble entweder zu pauschal klingt oder die Spannung verliert. Genau das geschah in Attel nicht. Unter Angelica Heder-Loosli fand der Wasserburger Bach-Chor für diese Musik einen Ton von bemerkenswerter Geschlossenheit. Der Klang öffnete sich, wurde weicher und runder, ohne an Präzision einzubüßen. Die dynamischen Verläufe wirkten freier, behielten aber Kontur. Vor allem dort, wo Jenkins seine Wirkung aus reibungsreichen Harmonien und dichter geschichteten Akkorden bezieht, zeigte sich die Qualität des Ensembles besonders deutlich: Die Intonation blieb sicher, die Spannung in den Dissonanzen wurde nicht vorschnell entschärft, sondern bewusst gehalten. So erhielten diese Motetten jene stille Eindringlichkeit, die ihnen an diesem Abend ihren eigenen Platz gab.

Den interpretatorischen Mittelpunkt des Konzerts bildete Pergolesis „Stabat Mater“ in der vierstimmigen Fassung von Desmond Ratcliffe. Gerade dieses Werk verlangt eine heikle Balance, weil seine melodische Unmittelbarkeit leicht in bloße Gefälligkeit umschlagen kann. Wo Andacht in Sentimentalität kippt und Ausdruck zur bloßen Rührung wird, verliert diese Musik ihren Ernst. In Attel wurde diese Gefahr jedoch mit großer Konsequenz vermieden. Heder-Loosli entschied sich für eine Lesart, die nicht auf unmittelbaren Effekt zielte, sondern auf gebändigte Ausdruckskraft. Gerade darin lag ihre Überzeugungskraft.

Priska Eser gestaltete die Sopranpartie mit heller Fokussierung, schlankem Ton und sicherer Höhe. Entscheidend war dabei weniger äußerer Glanz als die Fähigkeit, selbst in den kantablen Linien die Spannung aufrechtzuerhalten. Kerstin Rosenfeldt gab dem Alt mit seinem warmen Kern und der ruhigen, tragenden Farbigkeit genau jenes klangliche Gegengewicht, das Pergolesis Musik für ihre innere Balance benötigt. Besonders aufschlussreich wurde das in den Duett-Sätzen. Dort entscheidet sich, ob aus zwei Stimmen bloß ein hübscher Mischklang entsteht oder ob sich tatsächlich jene geistliche Innigkeit einstellt, auf die das Werk zielt. Eser und Rosenfeldt fanden hier zu einem Miteinander, das auf aufmerksamem Hören, gemeinsamem Atmen und großer Vertrautheit beruhte. Ihre Stimmen blieben im Charakter unterscheidbar, verbanden sich aber zu einer Einheit, die gerade in den ruhigeren, klagevollen Abschnitten eine eindringliche Wirkung entfaltete. Diese Innigkeit wurde nicht ausgestellt, sondern klanglich erarbeitet.

Das Bach-Collegium Wasserburg erwies sich dabei als verlässlicher und stilbewusster Partner. Die Begleitung blieb stets aufmerksam, durchsichtig und wohltuend unaufdringlich. Gerade bei Pergolesi ist das keine Kleinigkeit: Drängen die Instrumente zu stark, bedrängen sie die vokale Linie; bleiben sie zu zurückhaltend, verliert die Musik ihr tragendes Gerüst. Beides wurde hier vermieden. Marija Hackl setzte an der Violine mit flexibel modelliertem Ton und feiner Phrasierung markante, doch nie aufdringliche Akzente. Thomas Pfeiffer sorgte im Continuo an der Orgel für jene ruhige Stabilität, die das Werk im Innersten zusammenhält. Dass klangliche Oberfläche und strukturelles Fundament so selbstverständlich ineinandergriffen, trug wesentlich zur Geschlossenheit der Aufführung bei.

Die eigentliche Leistung Angelica Heder-Looslis bestand an diesem Abend darin, die Unterschiede der drei musikalischen Welten nicht zu verwischen, sondern gerade aus ihnen Spannung und Zusammenhang zu gewinnen. Bach blieb in seiner Strenge durchsichtig, Jenkins in seiner harmonischen Schwebe konzentriert, Pergolesi in seiner Expressivität frei von opernhafter Übertreibung. Gerade weil an mehreren Stellen spürbar wurde, wie leicht diese Werke in Schwere, Sentimentalität oder bloße Wohlklängigkeit hätten abgleiten können, gewann die Aufführung ihr besonderes Gewicht. Heder-Loosli schöpfte dabei aus einem über Jahrzehnte gewachsenen Erfahrungsschatz, wie man ihm heute nur noch selten begegnet und der sie als Gestalterin geistlicher Musik in besonderer Weise auszeichnet.

So entfaltete das Programm gerade am Palmsonntag und zu Beginn der Karwoche auch eine eindrucksvolle geistliche Logik. Was bei Bach mit dem Ringen um Annahme und Vertrauen begann, wurde bei Jenkins zur Sammlung und mündete in Pergolesis „Stabat Mater“ in die Betrachtung des Leidens unter dem Kreuz. Die Werkfolge gewann dadurch den Charakter einer inneren Dramaturgie, die den Weg in die Passion nicht nur musikalisch, sondern auch theologisch nachvollziehbar machte. Der Kirchenraum war bis weit in die hinteren Reihen gefüllt, und noch lange nach dem Schlussapplaus standen Besucher in kleinen Gruppen zusammen und sprachen über das Gehörte. Mehr lässt sich über die Nachhaltigkeit eines Konzerts kaum sagen.

Foto: Nach dem Passionskonzert in der Pfarrkirche St. Michael stellten sich die Mitwirkenden zum gemeinsamen Bild auf: vorne links die Solistinnen Kerstin Rosenfeldt (Alt) und Priska Eser (Sopran), in der Mitte Dirigentin Angelica Heder-Loosli, dahinter das Bach-Collegium Wasserburg und der Wasserburger Bach-Chor.

 



Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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