66 Jahre ist es her, dass sie gemeinsam am Gymnasium Landschulheim Marquartstein ihr Abitur machten. Geblieben sind nicht nur alte Klassenfotos und Namen, sondern vor allem jede Menge Geschichten. Beim Wiedersehen im Alpenhotel Dahoam in Ettenhausen wurde schnell deutlich: Die Schulzeit von 1951 bis 1960 ist auch nach mehr als sechs Jahrzehnten noch erstaunlich präsent.
Die Wurzeln des Landschulheims reichen bis ins Jahr 1928 zurück, als der Unterricht in einem Landerziehungsheim auf der Burg Marquartstein begann. 1958 zog die Schule in das neue Schloss Marquartstein am Fuß des Hochgern um. Die ehemaligen Schüler erlebten somit noch beide Schauplätze in ihrer Schulzeit – die Burg ebenso wie das neue Schloss. Wie unbeschwert und fröhlich diese Jahre trotz aller Strenge des damaligen Schulalltags gewesen sein müssen, wird deutlich, sobald die Ehemaligen zu erzählen beginnen.
Ein Goggomobil in der Aula
Karin Vogt, geborene Prasser, erinnert sich beispielsweise an die morgendlichen Andachten in der Halle des neuen Schlosses. Jeden Morgen versammelten sich die Schüler am Kamin. Ein Lehrer sorgte mit seinem knallroten Goggomobil für einen besonderen Blickfang vor der Schule. Eines Morgens allerdings stand das kleine Auto nicht wie gewohnt draußen, sondern mitten in der Aula. Die Buben hatten es kurzerhand dorthin getragen – zur morgendlichen Andacht. Dazu gab es jeden Tag einen „Spruch des Tages“. Welcher es an jenem besonderen Morgen war, wissen die Ehemaligen heute nicht mehr. An den Spaß und das Gelächter erinnern sie sich dagegen noch sehr genau.
Winnetou und Old Shatterhand
Auch Else und Sieglinde, die bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr befreundet sind, haben eine besondere Geschichte zu erzählen. Während ihrer Schulzeit verschlangen sie die Bücher von Karl May. Besonders angetan hatte es ihnen das Blutsbrüder-Ritual aus „Winnetou I“. Im Wald hinter der Schule wollten die beiden es tatsächlich nachstellen. Um den nötigen Mut aufzubringen, wurde zunächst mit Chiemseer Klosterlikör nachgeholfen. Anschließend schritten sie zur Tat: Mit einem Messer ritzten sie sich in die Haut und vermischten ihr Blut – ganz nach dem Vorbild von Winnetou und Old Shatterhand. An dem Ritual muss was dran sein, denn die Freundschaft hält nun schon über sieben Jahrzehnte bis heute.
Skifahren, Theater und ein „Blinzelspiel”
Lebhaft sind auch die Erinnerungen an das Skilager auf der Traunsteiner Hütte, wo der Vater der späteren Skilegende Rosi Mittermaier als Hüttenwirt tätig war. Er brachte den Schülern das Skifahren bei, während Rosi, damals gerade einmal drei Jahre alt, ebenfalls schon mit von der Partie war. Beim Skifahren wurden Buben und Mädchen noch getrennt unterrichtet. Erst am Abend durften sie zusammenkommen. Besonders gut erinnern sich die Ehemaligen an das damalige „Blinzelspiel“ zwischen den Geschlechtern – eine kleine Unterhaltung, die offenbar schon damals für reichlich Prickeln und Spannung sorgte. Auch die Theatergruppe ist vielen noch in bester Erinnerung. 1956 führten die Schüler im Burghof Shakespeares „Was ihr wollt“ auf. Und sogar vor der Filmkamera standen einige der damaligen Schüler: Für die Verfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ wurden sie als Statisten eingesetzt, denn Teile des Films entstanden an ihrer Schule.
Von 32 blieben 19 bis zum Abitur
Stolz waren die ehemaligen Schüler auch darauf, zur sogenannten „externen A-Klasse“ gehört zu haben. Mit 32 Schülern war die Klasse gestartet, zum Abitur waren davon noch 16 Buben und drei Mädchen übrig. Und auch Amor scheint damals gelegentlich durch die Schulflure gewandelt zu sein: Gleich vier Ehen wurden zwischen Lehrern und ehemaligen Schülerinnen geschlossen. So wurde beim Wiedersehen nicht nur in Erinnerungen geschwelgt, sondern auch viel gelacht. 66 Jahre nach dem gemeinsamen Abitur zeigt sich, dass eine Schulzeit weit mehr hinterlassen kann als ein Abschlusszeugnis: Freundschaften, kleine Streiche, große Abenteuer – und Geschichten, die auch nach sechs Jahrzehnten noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Text und Bildmaterial: Sybilla Wunderlich – 66 Jahre nach dem Abitur wiedergetroffen



