Kultur

Haydns Streichquartett in Reichenhall

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Nach längerer Pause mit online-Aufführungen fand die Karfreitagsveranstaltung der „Akademie Zukunft Mensch“ und der „Rudolf-Steiner-Gesellschaft“ erstmals wieder in Präsenz statt. Unter der Leitung von Axel Burkart wurde im Raum Hochstaufen des Kurgastzentrums eine eindrucksvolle Verbindung von Musik und geistiger Betrachtung geboten.

Das „Salzburg Haydn Consort“ mit Lauro Comploj und Cornelia Lehfeld (Violinen), Manuel Dörsch (Viola) und Hannah Vinzens (Violoncello) interpretierte Joseph Haydns berühmtes Werk „Die letzten sieben Worte unseres Erlösers am Kreuze“ in der Fassung für Streichquartett. Die Komposition, ursprünglich als Auftragswerk für einen Priester im spanischen Cádiz entstanden, folgt einer besonderen Dramaturgie: Jeder der acht Sätze – eingeleitet von einer langsamen Introduktion – ist einem der letzten Worte Christi gewidmet. Haydn übersetzte diese Worte in eine eindringliche Klangsprache. Themen wie Vergebung, Fürsorge, Verlassenheit und Vertrauen spiegelten sich in langsamen Tempi wie Largo, Grave oder Adagio wider. Einen starken Kontrast bildete der Schlusssatz „Il terremoto“ („Das Erdbeben“), der mit „Presto e con tutta la forza“ eine dramatische Steigerung erlebte. Die transparente Klangstruktur des Streichquartetts verstärkte die emotionale Wirkung und sorgte für spürbare Ergriffenheit im Publikum.

Bereits im 18. Jahrhundert war es Tradition, die einzelnen Worte Christi durch Predigten zu begleiten. Diese Rolle übernahm nun in Bad Reichenhall Axel Burkart, der die musikalischen Abschnitte mit geistigen Impulsen verband. Auf Grundlage der Anthroposophie und der Schriften Rudolf Steiners ordnete er die Worte Jesu in den Kontext der Evangelien ein. So deutete Burkart etwa den Satz „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ als Hinweis auf die damals noch nicht voll entwickelte geistige Freiheit des Menschen. Erst durch die Erlösungstat Christi sei die Fähigkeit entstanden, Verantwortung bewusst zu übernehmen. Daraus leite sich auch ein Auftrag für die Gegenwart ab: „Wir heutigen Menschen haben zu wissen, was wir tun.“

Weitere Betrachtungen galten der symbolischen Bedeutung der beiden Schächer, der Rolle der Mutter Jesu sowie dem Wort „Mich dürstet“, das Burkart als Sehnsucht nach wahrhaftigen, geistverbundenen Gedanken interpretierte. Auch „Es ist vollbracht“ verstand er nicht nur als Abschluss eines Lebens, sondern als Erfüllung eines göttlichen Auftrags: die Ablösung äußerer Gesetzlichkeit durch die Kraft der inneren Liebe. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Haydns Werk weit über ein Konzert hinausgeht. Es wurde zu einer meditativen Auseinandersetzung mit einem zentralen Ereignis der Menschheitsgeschichte – und zu einer Einladung, die Evangelien nicht nur historisch, sondern in ihrer spirituellen Tiefe zu begreifen.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka

Das Salzburg Haydn Consort spielt “Die letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze” von Joseph Haydn

Der Geisteswissenschaftler Axel Burkart erklärt den biblischen Kontext und deutet die Worte Christi für die Menschen im 21. Jahrhundert.

 

 

 



Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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