Als der Garten zu klingen begann Katerina Antonova schenkte dem Pfarrgarten Rimsting einen außergewöhnlichen Klaviernachmittag zwischen Melancholie, Lebensfreude und Frieden
Manchmal braucht Musik keinen Konzertsaal. Ein Garten, ein Klavier und ein paar Menschen, die inmitten von Umgebungsgeräuschen bereit sind, konzentriert zuzuhören, können genügen. Am 18. September verwandelte die Pianistin Katerina Antonova den Pfarrgarten in Rimsting für einige Stunden in einen besonderen Klangraum. Unter alten Obstbäumen, bei spätsommerlichem Licht und inmitten aufmerksamer Zuhörer entstand ein Konzert, das weit mehr war als die Aneinanderreihung von Klavierwerken: eine musikalische Reise durch Natur und Erinnerung, Schmerz und Hoffnung, Leidenschaft und schließlich Frieden.
Eingeladen hatte der gemeinnützige Verein Bürgerhilfe Rimsting e.V., der sich der Nachbarschaftshilfe und der Unterstützung von Menschen in Notlagen widmet. Vielleicht passte gerade deshalb die ungewöhnliche Dramaturgie dieses Nachmittags so gut an diesen Ort: Musik wurde nicht als Selbstzweck aufgeführt, sondern diente dem Erlebnis in der Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Antonova begann mit einer freien Improvisation, die sich auf den Garten und die anwesenden Menschen einzustimmen schien. Zarte, weit ausschwingende Melodien, naturverbundene Motive und eine leise Melancholie ließen die Umgebung Teil der Musik werden. Mit Caccinis „Ave Maria“ vertiefte sich diese Atmosphäre. Die Musik wurde kontemplativer, stiller, nach innen gekehrt. Antonova spielte mit großer Sensibilität und einem feinen Gespür für Klang und Ruhe. Nichts wirkte aufgesetzt – die Musik durfte ihre Wirkung aus der Stille heraus entfalten.
In einer zweiten freien Improvisation setzte sich Antonova musikalisch mit dem Krieg in ihrer Heimat auseinander. Die Klänge wurden eindringlicher und anklagender, blieben aber von einer tiefen Melancholie durchzogen. Wo Worte möglicherweise zu kurz greifen, konnte die Improvisation Gefühle unmittelbar hörbar machen: Schmerz, Aufbegehren, Trauer und die Sehnsucht nach Frieden.
Das Konzert erreichte mit Sergej Rachmaninows „Moment musical“ op. 16 Nr. 4 einen ersten dramatischen Höhepunkt. Schnelle, ununterbrochene Presto-Bewegung, dynamische Steigerungen und kräftige Akkorde verstärkten die leidenschaftliche und kraftvolle Stimmung. Antonova bewältigte die virtuosen Läufe und die kraftvolle musikalische Verdichtung souverän. Offensichtlich verbindet sie mit Rachmaninow eine enge seelische Verbindung. Mit „Joyful, joyful“ aus „Sister Act“ kehrte die Lebensfreude in den Garten ein. Plötzlich wurde es leicht, rhythmisch, beschwingt und optimistisch. Der Kontrast war groß, aber gerade deshalb überzeugend. Mit Mozarts Fantasie d-Moll betrat Antonova anschließend das Terrain der klassischen Virtuosität. Sie ließ die dramatische Spannung des Werkes wachsen, steigerte die Kraft und setzte zugleich immer wieder feinere Kontraste. Technische Souveränität war dabei nie Selbstzweck; sie diente dem musikalischen Ausdruck. „Cheremshyna“ führte anschließend zurück zu Natur und Volkston. Das Stück strahlte Wärme und Optimismus aus, hatte etwas Ursprüngliches und Erdverbundenes. Antonova traf diesen Charakter mit sicherem Gespür und ließ die volkstümliche Melodik ihrer Heimat unmittelbar und farbenreich wirken.
Was dann folgte, war ein temperamentvoller Höhepunkt: Montis „Czardas“. Hier durfte die Pianistin ihre ganze Virtuosität entfalten. Leidenschaft, rhythmischer Schwung und die wechselnden Stimmungen des Werkes sorgten für einen mitreißenden Moment. Antonova spielte technisch brillant und zugleich mit spürbarer Freude an ihrer eigenen Interpretation.
Doch der Abend – beziehungsweise Nachmittag – sollte nicht im Überschwang enden.
Für Massenets „Meditation“ aus „Thaïs“ wurde es wieder stiller. Ein Gedicht des Priener Mundartdichters Sepp Obermüller leitete das Stück ein und gab der Veranstaltung eine zusätzliche poetische Ebene. Dann begann Massenets Musik: zunächst sanft und fließend, immer wieder aufleuchtend, sich emotional steigernd – und schließlich zurückfindend in eine schwebende Ruhe. Es war ein Schluss, der vieles vom zuvor Gehörten noch einmal in sich trug. Die Melancholie des Anfangs, die Erinnerung an Krieg und Verlust, aber auch die Lebensfreude, die Virtuosität und die Naturverbundenheit fanden hier gewissermaßen zusammen. Die letzten Töne verklangen ruhig und friedlich im Pfarrgarten.
Katerina Antonova hat die Charaktere der so unterschiedlichen Werke nicht nur technisch souverän, sondern vor allem stimmungsmäßig überzeugend erfasst. Ihre besondere Stärke lag dabei in der Verbindung von Virtuosität und Ausdruck. Noch bemerkenswerter aber war die dramaturgisch kluge Auswahl der Stücke. Jedes Werk erhielt seinen eigenen Platz, und doch ergab sich aus allen Teilen ein größerer Zusammenhang. So wurde aus einem Klavierkonzert unter freiem Himmel eine musikalische Brücke, die von der Natur über die Abgründe menschlicher Erfahrung bis zur Hoffnung führte. Als die letzten Töne von Massenets „Meditation“ im Garten verklungen waren, blieb für Augenblicke jene seltene Stille zurück, in der ein Konzert noch weiterklingt – bevor dann langer Beifall einsetzte.
Text und Bildmaterial: Bürgerhilfe Rimsting e.V.





