Eine Betrachtung zum Erntedank zwischen Fülle, Arbeit und dem Geschenk des Wachsens
Ein Brot liegt vor dem Altar. Daneben Äpfel, Kartoffeln, ein Bündel Getreide. Dinge, die wir täglich kaufen, schneiden, kochen und essen. An diesem Wochenende bekommen sie einen besonderen Platz. Menschen haben sie zusammengetragen, in Körbe gelegt, mit Blumen geschmückt. Was sonst im Vorübergehen im Einkaufswagen landet, lädt hier zum Stehenbleiben ein.

Äpfel, Gemüse, Brot und Blumen: Der festlich geschmückte Erntedankaltar in der Kirche Maria Himmelfahrt in Törwang macht sichtbar, was uns nährt – und wofür wir danken.
In den Kirchen von Riedering, Lauterbach, Frasdorf, Wildenwart, Aschau, Törwang und vielen weiteren Kirchen sind die Altarräume für das Erntedankfest am Sonntag vorbereitet. Kürbisse leuchten zwischen Kohlköpfen und Wurzelgemüse, Äpfel und Birnen füllen Körbe, Getreideähren umrahmen die Gaben. In Riedering spannt sich eine große Erntekrone über die Früchte. In Wildenwart steht ein mit Äpfeln beladener hölzerner Wagen unter herbstlich gefärbten Zweigen. In Lauterbach haben auch eine Milchpackung und ein Eierkarton ihren Platz gefunden. Sie gehören zu unserem Alltag. Gerade deshalb gehören sie hierher.

Brot, Früchte und Getreide, liebevoll vor dem Altar arrangiert: Der Erntedankschmuck in der Kirche in Frasdorf erinnert an die Gaben der Natur und die Arbeit der Menschen, die uns ernähren.
Die Fülle ist schön anzusehen. Doch sie stellt auch eine Frage: Wissen wir noch, was wir vor uns haben?
Beim Einkaufen erfahren wir den Preis eines Lebensmittels. Über seinen Wert sagt das nur einen Teil. Ein Brot trägt mehr in sich als Mehl, Wasser und Salz. In ihm stecken ein bestellter Acker, die Arbeit auf dem Feld, das Mahlen des Korns, das Wissen und die Hände eines Bäckers. Und lange zuvor brauchte es einen Boden, in dem etwas wachsen konnte, Regen zur rechten Zeit und genügend Sonne.
Wir können vieles organisieren, berechnen und verbessern. Dass eine Saat aufgeht, lässt sich dennoch nicht einfach bestellen.
Wer einen Garten pflegt oder einen Hof bewirtschaftet, kennt diese Grenze. Man kann sorgfältig arbeiten und muss trotzdem warten. Ein später Frost kann Blüten zerstören, Hagel eine Ernte beschädigen, anhaltender Regen die Arbeit erschweren. Zwischen dem eigenen Tun und seinem Ertrag bleibt ein Raum, über den der Mensch nicht vollständig verfügt. Erntedank gibt diesem Raum einen Namen: Dankbarkeit.

Kürbisse, Gemüse, Obst und ein kunstvoll verziertes Brot schmücken den Altarraum der Kirche in Aschau: ein farbenfroher Dank für das Gewachsene und die Arbeit, die darin steckt.
Im christlichen Verständnis richtet sich dieser Dank an Gott, den Schöpfer. Die Früchte vor dem Altar bringen die Erfahrung zum Ausdruck, dass menschliche Mühe auf etwas angewiesen bleibt, das ihr vorausgeht. Erde, Wasser, Licht und Leben haben wir vorgefunden. Wir arbeiten mit ihnen. Wir haben sie nicht geschaffen.
Darin liegt eine Bescheidenheit, die auch außerhalb der Kirche verständlich ist. Niemand ernährt sich allein aus eigener Kraft. Selbst wer seine Lebensmittel bezahlt, bleibt auf andere angewiesen: auf Menschen, die säen und ernten, Tiere versorgen, Lebensmittel verarbeiten und sie zu uns bringen. Der gedeckte Tisch verbindet uns mit Menschen, denen wir oft nie begegnen.

Eine große Erntekrone aus Getreideähren spannt sich über Brot, Obst und Gemüse in der Kirche in Riedering: Ausdruck der Dankbarkeit für die Ernte und das tägliche Brot.
Hier in der Region hat diese Verbindung noch ein Gesicht. Die Wiesen und Felder, an denen wir vorbeifahren, sind Arbeitsplätze und Lebensgrundlage. Hinter einer Hofeinfahrt wird früh aufgestanden, werden Tiere versorgt und Entscheidungen getroffen, deren Ausgang sich manchmal erst Monate später zeigt. Die vertraute Landschaft ist zugleich eine Landschaft der Arbeit. Erntedank macht diese Arbeit sichtbar.
Sichtbar wird auch die Sorgfalt derjenigen, die die Kirchen geschmückt haben. Jemand hat Äpfel ausgewählt, Körbe getragen, Blumen geschnitten und Ähren gebunden. Jemand hat sich Zeit genommen, damit andere sehen können, was im Alltag leicht übersehen wird. Schon darin steckt eine Form des Dankens: einer Sache Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein mit Äpfeln beladener Wagen, herbstliche Zweige und bunte Blumen prägen den Erntedankschmuck in der Kirche in Wildenwart: Die Fülle des Herbstes wird zum sichtbaren Zeichen des Dankes.
Diese Aufmerksamkeit kann über den Festtag hinausreichen. Wer im Brot die Arbeit erkennt, wirft es weniger gedankenlos weg. Wer weiß, wie lange ein Baum braucht, bis er Früchte trägt, betrachtet einen Apfel anders. Dankbarkeit beginnt mit dem Wahrnehmen. Im Alltag zeigt sie sich daran, wie wir mit dem umgehen, wofür wir danken.
Dabei darf der Blick auf die Fülle die Menschen nicht verdecken, denen das Nötigste fehlt. Auch in unserer Nähe ist ein gut gefüllter Einkaufskorb keine Selbstverständlichkeit. Vor einem reich geschmückten Altar stellt sich deshalb die Frage, wer an dieser Fülle teilhaben kann. Zum Dank gehört die Bereitschaft, zu teilen. Ein Fest, das davon handelt, was uns nährt, berührt immer auch das Leben der anderen.
Am Sonntag werden die Gemeinden Erntedank feiern. Die Früchte vor den Altären geben dem Fest Farbe und Gestalt. Sie erzählen vom gewachsenen und geernteten Leben, von Mühe und Gelingen, von Abhängigkeit und Vertrauen.
Vielleicht bleibt nach dem Besuch in einer dieser Kirchen eine kleine Veränderung des Blicks. Am nächsten Morgen liegt wieder ein Brot auf dem Küchentisch. Wir schneiden eine Scheibe ab, wie an vielen Tagen zuvor. Aber für einen Augenblick sehen wir darin den Acker, die Ähren und die Hände, durch die es gegangen ist.
Und wissen wieder, wofür wir danken.
Text & Fotos: Rainer Nitzsche




