Premiere beim Bezirk: Zum ersten Mal hat sich der Bezirk Oberbayern am Aktionstag „Schichtwechsel“ beteiligt, bei dem Menschen mit und ohne Behinderungen ihren Arbeitsplatz tauschen. Fünf Mitarbeitende der Bezirksverwaltung verbrachten einen Tag in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) – und im Gegenzug arbeiteten fünf Werkstattbeschäftigte in Einrichtungen des Bezirks. Das Fazit fällt durchweg positiv aus.
„Es hat mir gut gefallen.“ Martin Kell lächelt zufrieden. Statt in der Schreinerei der Oberland Werkstätten in Gaißach Holz zuzuschneiden, hat er einen Tag lang im Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern gearbeitet. Zusammen mit Thomas Bittmann aus den Ecksberger Werkstätten in Mühldorf und Glentleiten-Gärtner Georg Goldhofer war er dort auf dem rund 40 Hektar großen Museumsgelände unterwegs, hat unter Anleitung Bäume beschnitten, Wiesen gemäht und Gras zusammengerecht. „Es war ganz schön anstrengend hier auf und ab im Gelände, und teilweise bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen. Aber mit den Kollegen Thomas und Schorsch war’s ein gutes Z‘ammarbeiten. Und wir sind dann mittags auch zusammen ins Wirtshaus an der Glentleiten essen gegangen.“ Georg – Schorsch – Goldhofer, der ihn bei der Aktion begleitet hat, zieht ebenfalls eine positive Bilanz: „Die haben beide super mitgemacht und dürfen gerne mal wieder kommen. War ein guter Tag heute.“
Neben dem Freilichtmuseum Glentleiten waren die Imkerschule Landsberg am Lech des Bezirks Oberbayern und die Bezirksverwaltung in München beim „Schichtwechsel“ an Bord, um Werkstattbeschäftigte in ihren Arbeitsalltag einzubinden. Dafür durften fünf Bezirksmitarbeitende in verschiedenen oberbayerischen Werkstätten „schnuppern“. Ins Leben gerufen hat den Aktionstag vor sieben Jahren die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Das Ziel: durch persönliche Begegnungen neue Perspektiven eröffnen, Vorurteile abbauen und den Austausch auf Augenhöhe fördern. Im vergangenen Jahr haben sich rund 4 800 Menschen an dem Tauschtag beteiligt, davon 2 700 Beschäftigte der Werkstätten und 2 100 Mitarbeitende von Unternehmen.
Eine Mitarbeiterin des Bezirks, die sich den Alltag von Menschen mit Behinderungen einmal genauer anschauen wollte, ist Annett Gruber von der Sozialverwaltung. In den Augustinum Werkstätten in Oberschleißheim verpackte sie einen Tag lang in einer Montagegruppe Büschel mit griechischem Bergtee für ein Wellness-Hotel. „Ich habe nun eine Idee, wie wichtig die Arbeit als Struktur für Werkstattmitarbeitende ist“, lautet ihr Resümee. Und auch Online-Redakteurin Heike Geismar ließ sich die Gelegenheit zum Arbeitsplatztausch nicht entgehen. Statt Videos zu schneiden, schichtete sie am Aktionstag in der Hauswirtschaft der Ecksberger Werkstätten in Mettenheim Joghurt mit Apfelmus und Keksbröseln zu einem Nachtisch, machte beim Pausenverkauf mit, gab Mittagessen aus und half anschließend dabei, alles wieder zu sauberzumachen und aufzuräumen. Ihre Motivation für die Teilnahme? „Beim Bezirk geht es ja viel um die Belange von Menschen mit Behinderungen und Pflegebedarf. Für mich ist das eher theoretisch. Durch den ‚Schichtwechsel‘ konnte ich wirklich erleben, wie Menschen in der Werkstatt arbeiten und was sie den Tag über machen.“ Eine aufschlussreiche Erfahrung, wie sich zeigt: „Bei manchen Beschäftigten hätte ich gar nicht gedacht, dass sie Behinderungen haben. Im Gespräch ist mir das überhaupt nicht aufgefallen.“
Für Anna Lena Gleich, die als Mitarbeiterin des Bereichs Inklusion von Bezirksseite aus den Aktionstag organisiert hat, ist das keine Überraschung. „Vielen Menschen mit Behinderungen sieht man ihre Beeinträchtigungen auf den ersten Blick nicht an. Und grundsätzlich steckt in ihnen wesentlich mehr, als man zunächst vermutet. Da können viele Stärken auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt genutzt werden.“ Diese hat der „Schichtwechsel“ ohne Zweifel sichtbar gemacht. Anna Lena Gleich wünscht sich deshalb eine Wiederholung der Aktion im kommenden Jahr, auch um noch mehr Werkstattbeschäftigten eine Chance auf eine Tätigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt zu geben. Schließlich ist ein gegenseitiges ‚Beschnuppern‘ manchmal der erste Schritt hin zu einer neuen Arbeit.
In jedem Fall ist das gegenseitige Kennenlernen für beide Seiten wertvoll. So sieht es Dr. Julia Schulte to Bühne, die Leiterin des Freilichtmuseums Glentleiten: „Wir haben den Tag mit den beiden Werkstatt-Beschäftigten als sehr angenehm erlebt. Es ist immer schön zu erleben, wie die unterschiedlichen Perspektiven und Fähigkeiten das Team bereichern. Außerdem sehen wir es als wichtige Aufgabe für unser Freilichtmuseum an, ein Ort zu sein, an dem Vielfalt, Kultur und Möglichkeiten gezeigt und gelebt werden.“ Kann sie sich eine Wiederholung der Aktion in ihrem Museum vorstellen? Die Antwort fällt eindeutig aus: „Auf jeden Fall. Wir sind nächstes Jahr wieder dabei.“
Text: Bereich Kommunikation, Bezirk Oberbayern – Bildquelle: Jeremias Nowotny






