Natur & Umwelt

Ramsau: Auf Kontrolle am Berg

Lawinenschutz an der Weißwand schützt die B305 und den Bergmischwald
Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Ramsau – Tino Sailer macht sich Sorgen. Skeptisch schaut er nach oben. Im blauen Berghimmel wirken die Äste beinahe schwarz. Sie sind längst abgestorben. Sailer muss sich entscheiden. Er löst das grüne Seil, das er kurz vorher um den Baumstamm geschlungen und befestigt hatte. Zu gefährlich. Wenn er sich am Seil hinabtasten will zur Lawinenverbauung weit unter ihm im Steilhang der Weißwand, braucht er bestmögliche Sicherheit.

Ein Tag im Frühherbst. Klare Luft, die Sonne wärmt schon am Vormittag. Es ist einer dieser Tage, die der 35-Jährige besonders mag. Die er nicht am Schreibtisch im Wasserwirtschaftsamt Traunstein verbringt, sondern draußen in der Weißwand bei Ramsau. Tablet, Helm, Warnweste und Kletterausrüstung hat er in den Kofferraum des Allrad gepackt. Die Turnschuhe wird er später gegen stabile Bergschuhe tauschen. Auf dem Weg hinauf kennt er jede Kurve der schmalen Forststraße. Rechts der Fels. Links geht es gefühlt senkrecht hinab. Unten liegt die B305 zwischen Schneizlreuth/Unterjettenberg und der Ramsau. Sailer fährt langsam, aber routiniert.

Seit bald einem Jahr arbeitet er bei passendem Wetter oben am Berg. Nie allein, immer in Begleitung eines Kollegen. Die Sicherheitsanforderungen sind hoch. Im Auftrag des Amtes überprüft Sailer zwölf Lawinenstriche, die an der Weißwand verbaut sind. 2019 eingeweiht, hatte es zuvor 30 Jahre gebraucht, um das rund 430 Hektar große Areal zu sichern. Gefährliche und körperlich schwere Arbeit für die Männer der Flussmeisterstelle Piding, die zum Wasserwirtschaftsamt gehört. 1120 Lawinennetze, 7200 Gleitschneezäune und rund 1800 Meter Zaun samt Halterungen schützen heute gegen Steinschlag, sorgen dafür, dass der Berg bleibt, wo er ist. Dass sich Schnee, Geröll und totes Holz rechtzeitig verfangen und nicht hinunter donnern auf die Alpenstraße. Vertreter der Bayerischen Staatsforsten, der Forstverwaltung, des Staatlichen Bauamtes und des Traunsteiner Wasserwirtschaftsamtes hatten für das Projekt eng zusammengearbeitet. Der Freistaat Bayern investierte rund 20 Millionen Euro, Umweltminister Thorsten Glauber sprach beim Abschluss der Arbeiten im Oktober 2019 von „Lawinenschutz“, der „Menschenschutz“ sei.

Seither hatte das Wasserwirtschaftsamt Sorge getragen für den Lawinenschutz an der Weißwand. Nach und nach aber sollen die Anlagen übergeben werden an das Staatliche Bauamt Traunstein, die letzten im Jahr 2029. Gut drei Jahre also noch, die Tino Sailer bleiben, um Netze, Zäune und Aufbauten zu prüfen, die Ergebnisse zu protokollieren, ein Sanierungskonzept zu erstellen sowie entsprechende Aufträge zu vergeben. Dass die Zeit reichen wird, davon ist Stefan Hollrieder überzeugt. Der Sachgebietsleiter „Gewässerunterhaltung“ am WWA sagt, die Schäden fielen „relativ gering“ aus. Wenn überhaupt, handle es sich um geknickte Stützen oder um Risse in den Netzen, verursacht durch Steinschlag.

Tino Sailer zurrt sein grünes Seil derweil um einen anderen Baum. Mit versierten Handgriffen hängt er sich an, kontrolliert noch einmal – und lässt sich dann vorsichtig hinunter zu einer Reihe von Netzen. Wie an den anderen Lawinenstrichen auch, folgen ihnen vier Reihen Gleitschneezäune, die dann wieder abgelöst werden von weiteren Netzen. Sailer macht sich los und tastet sich Schritt für Schritt vor, immer seitwärts zum Berg. Es ist extrem steil. Vorsichtig steigt er auf eines der Netze. Die Konstruktion erinnert an das Dach der Münchener Olympiahalle. Bis ganz nach vorne muss er sich tasten, um zu prüfen, ob die Verankerung ausreichend stabil ist. Hier passt alles. Aber in einem der Stahlnetze entdeckt er einen Riss. Diesen Schaden muss er, zurück auf sicherem Untergrund, über sein Tablet in die Schadensliste aufnehmen. Er hofft, diesen Lawinenstrich noch abschließen zu können, ehe der Winter kommt. Während der kalten Monate arbeitet er im Büro.

Ob ihm die Arbeit Spaß macht angesichts der ausgesetzten Lage und der körperlichen Strapazen? „Ich gehe auch privat klettern und bin gerne in der Natur unterwegs. Besser hätte es nicht kommen können“, sagt Sailer. Er lacht und sieht dabei wirklich zufrieden aus.

Text und Bilder: Wasserwirtschaftsamt Traunstein


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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