In Deutschland sind rund 1,8 Millionen Menschen vom sogenannten „Messie-Syndrom“ betroffen. Ihr Zuhause gleicht mitunter einer Höhle: Berge aus Kartons, vollgestopfte Tüten, alte Zeitschriften und Rechnungen, dreckiges Geschirr, Töpfe und Putz-mittel, die oft bis an die Decke reichen. Andere Wohnungen wirken wie ein Lager: Enge Labyrinthe führen durch Unmengen an Dingen. Dingen, die für sich brauchbar und gut sind, in der Menge aber kaum Platz zum Leben lassen. Küche, Toilette und Bett sind nicht nutzbar, weil die für den Einzelnen gefühlt wichtigen Dinge sich auch dort stapeln.
Der Leidensdruck, der durch das pathologische Horten entsteht, ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern meist auch für ihre unmittelbare Umgebung groß. Und schnell geraten all jene, die in ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Tätigkeit mit dem Thema in Berührung kommen, an ihre Grenzen. Deshalb hat die Gesundheitsregion Plus gemeinsam mit dem Landratsamt und dem Gesundheitsamt Landshut im Ge-meindezentrum Kumhausen einen Fachtag veranstaltet, der das „Messie-Syndrom“ aus verschiedenen Fachperspektiven beleuchtete und den 80 Teilnehmern verschie-dener Einrichtungen und Institutionen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich Grundlagenwissen vermittelte und Handlungsmöglichkeiten eröffnete.
Zum besseren Verständnis des komplexen Krankheitsbildes erläuterte Prof. Dr. Johannes Lohner von der Hochschule Landshut eingangs den aktuellen Stand der Diagnostik, die bisher bekannten Ursachen der Krankheit und die therapeutischen Behand-lungsmöglichkeiten. Einen Einblick in die Möglichkeiten und Grenzen von sozialpädagogischen Interventionen in diesem Zusammenhang gab Wedigo von Wedel vom H-Team e. V. München. Durch die Bereitstellung ambulanter Dienstleistungen bietet der Verein Betroffenen ein umfangreiches Netz an Hilfsangeboten und schafft es immer wieder, den Verlust der Wohnung und eine damit verbundene Obdachlosigkeit zu verhindern.
Die mietrechtlichen Aspekte des Messie-Syndrom führte Rechtsanwalt Dr. Stefan Strasser aus. Er machte deutlich, dass allein das Sammeln von Gegenständen noch keine Auswirkungen auf das Mietverhältnis habe. Eine Kündigung drohe erst, wenn die die gemietete Immobilie durch das ungebremste Horten konkret gefährdet sei: etwa durch Ungezieferbefall, statische Überlastung oder Vermüllung von Gemeinschaftsflächen. Sein Rat zum Abwenden einer drohenden Kündigung: Der Mieter solle das Problem keinesfalls leugnen, sondern mit dem Vermieter kooperieren und konkrete Lösungsschritte einleiten.
Unter Moderation der Vertreterinnen der Fachstellen im Landratsamt äußerten die Teil-nehmer im anschließenden Austausch für die Region Landshut einen dringenden Be-darf an konkreter, alltagspraktischer und fachlich geschulter Hilfe für Menschen mit Messie-Syndrom, wie sie unter anderem das H-Team München e. V. anbietet. Das Problem schlage zwar an vielen Stellen auf, doch habe man als Betroffener, Angehö-riger, Vermieter, Hausverwalter, Betreuer, Verwaltungsmitarbeiter oder auch Sozial-dienst bisher keine wirksamen Handlungsmöglichkeiten in der Region, um dem Prob-lem angemessen zu begegnen.
Messie-Hilfe-Telefon: Betroffene, Angehörige und beruflich damit Konfrontierte kön-nen sich beim Messie-Hilfe-Telefon unter der Nummer 089 550 64 890 dienstags von 9-12 Uhr und donnerstags von 15-18 Uhr kostenfrei beraten lassen. Erfahrenen Expertinnen und Experten besprechen Lösungsansätze, geben wichtige Fachinformatio-nen weiter und vermitteln Adressen in der Nähe und geben Hinweise zu Selbsthilfegruppen.
Bericht und Foto: Landratsamt Landshut